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Vega-Nachruf: Schreie für ein untergehendes Amerika

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Alan Vega, Sänger des radikalen US-Duos Suicide, ist im Alter von 78 Jahren gestorben.

Das wolle man nur einmal hören, schrieb der englische Romancier Nick Hornby einmal über „Frankie Teardrop“ von Suicide, er meinte: Dieses Stück über einen Fabriksarbeiter, den Arbeit und Armut in den Wahnsinn treiben, zum Mord an seiner Familie und zum Selbstmord, ist so unerträglich wie das Schicksal, das es beschreibt. Tatsächlich, die Schreie, die Alan Vega da zu einem fatalistischen Drumcomputer ausstieß, konnten einen nachhaltig verstören.

Es war 1977, als das erste Album des New Yorker Duos Suicide erschien, das Jahr, in dem Punk und New Wave aufbrachen, das bis heute radikalste Jahr des Pop. Der als Alan Bermowitz geborene Alan Vega und Synthesizerspieler Martin Rev legten Wert darauf, noch radikaler als alle anderen zu sein: In dem Albtraum-Amerika, das sie in Stücken wie „Rocket USA“, „Ghost Rider“ oder eben „Frankie Teardrop“ zeichneten, gab es keine Zuversicht, hier war die Zivilisation dem Untergang geweiht, hier nützte auch der in einem Song beschworene Che nichts, selbst die Jahrmarktsmelodien Martin Revs riefen: Lasst alle Hoffnung fahren! Andere Bands, die im New Yorker Punkclub CBGB spielten, würden den Leuten sagen, dass draußen auf den Straßen die Hölle sei, erklärte Vega: „Wir wollen ihnen sagen: Das da draußen ist eigentlich harmlos, verglichen mit dem, was wir hier treiben. Hier unten ist die Hölle!“

Katharsis nennt man das, und es funktionierte. So gut, dass in den nächsten Jahrzehnten jede Band, die stolz erklärte, wirklich unerträglich zu sein, sei es im Techno, Hardcore-Punk, Industrial oder Gore-Metal (ja, das gab es!), sich auf Suicide und ihre ersten beiden Alben berief.

Nein, ärger ging es nicht, und so nuancierten Suicide ihren Horror ein wenig. Vega entdeckte die Tradition des sich in seiner eigenen Kaputtheit suhlenden Rock'n'Roll, besang etwa mit Doo-Wop und Schubi-Du ein leicht abseitiges „Jukebox Baby“, das in Frankreich zum Hit wurde. Spätere Alben wie „American Supreme“ konnten der Suicide-Formel, abgesehen von etwas gewollten textlichen Brutalismen („Dachau, Disney, Disco“), nicht viel hinzufügen.

Live wirkte Vega inzwischen, ob solo oder mit Rev, wie ein Spätzeit-Jim-Morrison, zwischen Grottenbahn-Techno und Geisterbahn-Rockabilly stammelnd und stolpernd, eine schlappe Mütze auf dem Kopf, Sonnenbrillen vor den Augen, deutlich vom Leben gezeichnet. Und packte doch. Vielleicht weil man zwischen all dem nihilistischen Irrsinn einen Funken echte Sehnsucht spürte?

„Dream Baby Dream“ heißt das bewegendste Stück von Suicide, es ist ganz ruhig. Ist die Aufforderung zum Träumen nur weiterer, längst müder Eskapismus oder doch Hoffnung? Bruce Springsteen hat sich in seiner Version klar für die zweite Interpretation entschieden, bei Suicide blieb es offen.

Wie sein Kollege Henry Rollins mitteilte, ist Alan Vega in der Nacht auf Sonntag in New York friedlich im Schlaf gestorben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2016)

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