Bewaffnete stürmten eine Polizeistation in der Wirtschaftsmetropole Almaty. Präsident Nasarbajew löst Alarmstufe Rot aus. Es ist die zweite Attacke auf Sicherheitskräfte in kurzer Zeit.
Die erdgasreiche zentralasiatische Republik Kasachstan präsentierte sich in den vergangenen Jahren als Stabilitätsanker in einer unruhigen Region. Doch zuletzt mehren sich die Anzeichen, dass das 18 Millionen Einwohner zählende Land, das seit einem Vierteljahrhundert von Präsident Nursultan Nasarbajew autokratisch regiert wird, selbst einer Sicherheitsgefahr ausgesetzt ist.
Zum zweiten Mal seit Anfang Juni kam es gestern zu einem bewaffneten Überfall auf Sicherheitskräfte. Bei der Attacke auf eine Polizeistation in der südlichen Wirtschaftsmetropole Almaty wurden sechs Menschen getötet, vier Polizisten und ein Zivilist und ein mutmaßlicher Täter. Acht Menschen wurden verletzt. Zwei Verdächtige wurden festgenommen, teilte das Innenministerium der Ex-Sowjetrepublik mit.
Schüsse im Zentrum der Stadt
Sicherheitskreisen und Zeugen zufolge nahmen die Angreifer eine Polizeiwache und ein Büro des Inlandsgeheimdienstes KNB ins Visier. Demnach fielen auch in einer großen Hauptstraße im Zentrum der Geschäftsstadt Schüsse. Präsident Nursultan Nasarbajew erklärte, es handle sich um Terroranschläge. Er berief den nationalen Sicherheitsrat ein. Es gilt Alarmstufe Rot.
Einer der beiden, ein 27-jähriger Mann, hatte den Wachmann der Polizeistation getötet, dessen Sturmgewehr entwendet und war in einem Auto geflohen. Bei ihm soll es sich um einen Vorbestraften handeln, der wegen Mordes an einer Frau gesucht worden sei. Ein zweiter Verdächtiger wurde später im Zuge eines Anti-Terror-Einsatzes festgenommen. Die Suche nach weiteren Komplizen lief auf Hochtouren. Laut Medienberichten durchkämmte die Polizei die U-Bahn, sie riegelte den Bahnhof und Flughafen ab und kontrollierte Stadtausfahrten.
Kampfbereite islamistische Zellen
Über das Motiv des gestrigen Überfalls gibt es noch keine Klarheit, ein islamistischer Hintergrund wird nicht ausgeschlossen. Für die kasachischen Bürger stellen die Schießereien eine beunruhigende Entwicklung dar. Schließlich ist es erst eineinhalb Monate her, dass es in der nordwestkasachischen Stadt Aktöbe ebenfalls zu einem Angriff auf Sicherheitskräfte kam. Damals stürmten Attentäter in ein Waffengeschäft und griffen mit einem gekaperten Bus eine Kaserne an. Mehrere Menschen starben.
Beim nachfolgenden Anti-Terror-Einsatz wurden 18 mutmaßliche Terroristen getötet. Hinter der Attacke im politisch unruhigeren Nordwesten des Landes stünden „religiöse Radikale“, hieß es damals vonseiten der Sicherheitsbehörden ohne nähere Beschreibung.
Ende Juni hoben die Behörden im Gebiet Karaganda eine mutmaßliche Terrorgruppe aus und verhafteten elf mutmaßliche Mitglieder. Trotz harter Verfolgung haben sich im Land kampfbereite islamistische Zellen gebildet. Hunderte Kasachen dürften sich außerdem der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2016)