Recep Tayyip Erdoğan verwendete biologische Metaphern. Wieso wirken sie so unangenehm?
In allen Behörden des Staates wird der Prozess der Säuberung von diesen Viren fortgesetzt“, kündigte der türkische Staatspräsident an: „Denn dieser Körper, meine Brüder, hat Metastasen produziert. Leider haben sie wie ein Krebsvirus den ganzen Staat befallen.“
Diese Metaphorik wirkt verstörend. Wohl auch, weil die Nationalsozialisten das Bild von Krebs, der Staat und/oder Volk befallen habe, so geliebt haben. Sie hatten kein Monopol darauf, gewiss, aber es passte perfekt zu ihrem biologistischen Bild der Gesellschaft. Nicht zufällig war es der mit dem NS-Regime sympathisierende Biologe Konrad Lorenz, der 1940 die Notwendigkeit der „Ausmerzung ethisch Minderwertiger“ so erklärte: „Versagt diese Auslese, misslingt die Ausmerzung der mit Ausfällen behafteten Elemente, so durchdringen diese den Volkskörper in biologisch ganz analoger Weise und aus ebenso analogen Ursachen wie die Zellen einer bösartigen Geschwulst.“
In diesem Sinn reagierten Sensible kritisch, als US-Präsident Obama 2014 den IS als „Krebs, der die moslemische Welt verheert“, bezeichnete. Obama verrenne sich in Nazi-Metaphern, schrieb etwa die „Süddeutsche Zeitung“, und er begebe sich in den „Sumpf der Emotionalisierung“.
Zweiteres würde Erdoğan wohl nicht stören. Doch seine Metaphorik ist auch biologisch fragwürdig. Er sieht seine Feinde als Viren, die den Körper des Staates durchsetzen und bedrohen. Aber nicht als irgendwelche Viren, sondern als Krebsviren.
Tatsächlich gibt es Viren, die Krebs bewirken können, etwa das Papillomvirus. Doch nur bis zu 15 Prozent der menschlichen Krebserkrankungen werden von solchen Viren ausgelöst. Dass Erdoğan für sein Bild diese Form der Krebsentstehung gewählt hat, hat freilich seinen Sinn: Wer metaphorisch körpereigene Zellen als Auslöser des Krebses ansieht, ist der Selbstkritik gefährlich nahe. Mit Viren scheint die Sache eindeutig: Ein exogener Feind, der den „Volkskörper“ befällt, der lässt sich sauber isolieren, den kann man doch problemlos bekämpfen, oder?
Allerdings gibt es auch endogene Viren, die sich sesshaft in der DNA niedergelassen haben: Acht Prozent des menschlichen Genoms bestehen aus solchen Viren, sagen die Genetiker. Was, wenn Erdoğan das erfährt?
Man soll einen Präsidenten nicht mit allzu viel Biologie belästigen, aber man darf ihm raten: Verzicht auf biologische Metaphern! Sie hinken, und sie haben schon oft übel gewirkt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2016)