Die Lizenz zum Schummeln

Wer jetzt zu sehr auf Konjunkturoptimismus macht, interpretiert das kleine Zwischenhoch ziemlich falsch.

Die jüngsten Wortmeldungen, die uns zur Krise derzeit aus dem gebirgigen Alpbach erreichen, hören sich ein bisschen nach dem matten Bergsteigerwitzchen an, in dem der entgeisterte Alpinist seinem soeben über die Nordwand abgestürzten Bergkameraden „Um Himmels willen, ist dir was passiert?“ nachruft. Und aus der grauenhaften Tiefe weht der Wind die leise Antwort heran: „Weiß nicht, bin noch nicht unten.“

Das ist, wie wohl jeder einsehen wird, noch keine wirklich gute Nachricht. Es ist also „der freie Fall der Wirtschaft gebremst“, wie Vizekanzler Pröll sagt. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft demnach weniger stark, als noch vor Kurzem zu befürchten war, ergänzt Notenbankgouverneur Nowotny. Weshalb die Notenbank auch ihre Konjunkturprognose für heuer von minus 4,2 auf minus 3,5 bis minus 3,8 Prozent verbessert.

Aber unten sind wir eben noch nicht. Und wir wissen auch noch nicht, was uns beim Aufprall erwartet. Wer jetzt auf Optimismus macht, handelt also ziemlich fahrlässig. Und interpretiert jedenfalls das derzeitige kleine konjunkturelle Zwischenhoch ziemlich falsch.

Das hat nämlich ein paar sehr einfache Gründe: In der Industrie sind die Lager jetzt weitgehend leer geräumt, staatliche Konjunkturprogramme sorgen zudem dafür, dass die Auftragslage nicht noch weiter einbricht. Dazu kommt, dass der Konsum relativ stabil ist. Besonders in Deutschland und Österreich, wo die starken Lohnerhöhungen des vergangenen Herbstes für den höchsten Reallohnzuwachs seit 20 Jahren sorgen. Das sind aber Effekte, die spätestens zum Jahresende wieder verpuffen.

Vergleichsweise gut ist jetzt auch die Stimmung, was sich sehr schön an den Börsenkursen ablesen lässt. Die entwickeln sich so prächtig, dass der Strategieguru von Goldman Sachs, Abby Joseph Cohen, schon „das Ende der Rezession“ ausruft.

Aber auch hier ist von Nachhaltigkeit leider keine Spur zu sehen. Die Stimmungsrally wird nämlich von „irreführenden Indikatoren“ angetrieben, wie amerikanische Fondsmanager warnen. Weniger fein ausgedrückt: Es wird mit Zahlen getrickst, dass sich die Balken biegen.

Motor der Rally ist nämlich die überraschend schnelle „Gesundung“ der Banken. Die amerikanischen Banken haben ja, nur wenige Wochen, nachdem sie gerade noch den totalen Absturz vermeiden konnten, wieder fette Quartalsgewinne ausgewiesen. Was keiner dazusagt: Bankbilanzen haben leider mit der Realität nichts mehr gemein.

Denn die Amerikaner haben den Totalzusammenbruch des Finanzsystems auch damit verhindert, dass sie ihren Großbanken die Lizenz zum Schummeln gegeben haben: Die haben viel Spielraum bei der Bewertung ihrer „toxischen“ Wertpapiere bekommen. Und sie weisen jetzt Gewinne schlicht nur deshalb aus, weil sie ihre Verluste verstecken dürfen.

Allein das birgt schon den Keim für die nächste Kriseneskalationsstufe in der Finanzbranche in sich. Denn die finanziellen „Kellerleichen“, die die Krise ausgelöst haben (etwa die berüchtigten Asset Backed Securities) liegen noch immer herum. Sie wurden nur bilanziell ein bisschen hergeschminkt. Dauerlösung ist das aber keine.

Immer schwerer beherrschbar wird auch die rapid steigende Arbeitslosigkeit – weil ein nicht geringer Teil der verlorenen Arbeitsplätze in den Industrieländern auf Dauer weg ist. Und die Arbeitslosigkeit steigt viel schneller und dramatischer, als die offiziellen Statistiken ausweisen. Die Fondsgesellschaft Clarius beispielsweise hat die „echte“ US-Arbeitslosenrate mit 16 Prozent (offiziell sind es 9,4) berechnet. Und in Österreich dürfte die Zahl der „echten“ Arbeitslosen (einschließlich der jetzt massenweise in die Frühpension „entsorgten“) eher bei 500.000 als bei den offiziellen 300.000 liegen. Im Winter wird das Problem dann regelrecht explodieren.

Und über allem dräut (wegen der gigantischen Geldmengenausweitung in der Krise) das Gespenst der Hyperinflation, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Österreichs Notenbankgouverneur sieht diese Gefahr zwar für „die nächsten zehn Jahre nicht“ – aber er hat ja schon eine gewisse Übung im Krisekleinreden. In der Zwischenzeit äußern allerdings immer mehr internationale Experten die Befürchtung, die Regierungen Nordamerikas und Europas seien trotz aller Bemühungen schon jetzt dabei, „die Schlacht gegen die Inflation zu verlieren“.

Fazit: Es ist ja nicht falsch, sich über kleine Verbesserungen der düsteren Konjunkturdaten zu freuen. Aber so wirklich aufwärtsgehen wird es wohl noch länger nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2009)

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