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Eine Täuschung, die nicht nur die Gesundheit gefährdet

(c) APA/AFP/DAMIEN MEYER
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Der saubere Dieselmotor – nun auch quasi offiziell eine schöne Mär. Wer wird die Folgen einer verfehlten Förderungspolitik wohl schultern müssen?

Auch wenn es auf unseren Straßen noch nicht danach aussieht (oder riecht): Der Dieselmotor befindet sich weltweit in einem Rückzugsgefecht. Weltweit? Gerade Indien und Südkorea gelten außerhalb Europas noch als bedeutende Märkte für Diesel-Pkw. Aber auch dort zieht man bereits Konsequenzen aus der unbequemen Wahrheit, die durch den VW-Skandal ans Tageslicht gekommen ist, und worüber Forscher schon längst (und Automanager hinter vorgehaltener Hand) reden: Diese Antriebsart ist alles andere als sauber. Anders als suggeriert kann auch viel Technik daran nichts ändern: Eine effektive Abgasreinigung ist wohl möglich, aber sehr teuer und verbrauchstreibend – und daher für den Massenmarkt unwirtschaftlich.

Ein ärgerliches Exporthemmnis. VW dachte es durch vorsätzlichen Betrug aus dem Weg zu schaffen, um den größten Kfz-Markt der Welt, die USA, endlich zu knacken – beseelt vom Drang, zur globalen Nummer eins aufzusteigen. In Amerika ist das Clean-Diesel-Label inzwischen irreparabel beschädigt – es zeigt sich nun, dass selbst nachgerüstete Diesel-Pkw wegen ihrer hohen Stickoxidemissionen nicht zulassungsfähig wären. Nur aus diesem Grund bietet VW allen amerikanischen Kunden den Rückkauf ihrer Fahrzeuge an. Ein finanzieller Gewaltakt.

Er ist in Europa nicht notwendig. Im vermeintlichen Hort des Umwelt- und Konsumentenschutzes – so viel zur laufenden TTIP-Debatte – gibt die Politik den freundlichen Tankwart, der durch Milliardensubventionen verbilligten Dieselkraftstoff ausschenkt und noch beflissen hinterherpoliert, etwa mit einer Abgasgesetzgebung, die die Autoindustrie selbst formulieren durfte. VW hätte sich die illegalen Tricks bei elf Millionen Fahrzeugen im Grunde sparen können, denn es gibt ja genügend legale. Derer sich selbstredend auch andere Hersteller bedient haben: Außentemperatur unter 17 Grad Celsius, oder Fahrer gibt Vollgas: Schon wird die Abgasreinigung heruntergefahren. Nicht fein, aber nicht verboten.

Angesichts solchen Gebarens muss man sich fragen, was die europäische Autoindustrie eigentlich so auf den Dieselmotor eingeschworen hat. Einen Anhaltspunkt findet man in einer deutschen Studie aus dem Jahr 2006, die in ihrer kritischen Betrachtung des Dieselbooms zusammenfasst, „dass es sich wesentlich um ein großes Konjunkturprogramm für die Automobilindustrie auf Kosten von Umwelt und Gesundheit handelt“.

Tatsächlich galt der moderne Dieselmotor (Turbo, Direkteinspritzung), den VW-Tochter Audi 1989 nach zehnjähriger Entwicklungszeit zur Marktreife gebracht hatte, als elegante Lösung gleich mehrerer Probleme. Den europäischen Regierungen verhieß die neue Dieselgeneration mit ihrem unbestrittenen Verbrauchsvorteil eine Näherung an die Ziele der Kohlendioxideinsparung, zu der man sich in Kyoto bekannt hatte. Die Hersteller belebten mit zugkräftigen, dennoch sparsamen Autos einen schwächelnden europäischen Markt. Der einsetzende Nachfrageboom bescherte dem Kontinent 45 Mio. zusätzliche Diesel-Pkw. Das Verhältnis von Dieseln zu Benzinern wurde umgekehrt.


Einen Effekt auf die Reduzierung von Treibhausgasen durch Diesel-Pkw bestreitet eine Studie von 2013, der Autor Eckard Helmers: „Der Klimawandel wurde nicht verlangsamt, gleichzeitig sind Millionen Europäer mit toxischen Emissionen beaufschlagt worden.“

Klar ist, dass die Steuervorteile für Diesel fallen müssen. Damit wird Diesel teurer als Benzin, denn er kommt teurer aus der Raffinerie. Wer mit dem Auto unterwegs ist (in Österreich heute zu fast 60 Prozent mit Diesel) wird zu höheren Treibstoffkosten über kurz oder lang mit partiellen Fahrverboten konfrontiert werden, denn die Luftgüte in Europas Metropolen ist miserabel. Die Autoindustrie wird so ihr wichtigstes Zugpferd verlieren, denn der Dieselmotor ist die Grundlage des SUV-Booms. Eine Alternative ist nicht parat, beim Hybridantrieb hat Japan fast zwei Jahrzehnte Vorsprung. Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Die Strategie, ein Produkt mit Tricks und Täuschung zu vermarkten, könnte sich bitter rächen. Nicht nur für VW.

E-Mails an: timo.voelker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2016)