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Kinder: Nicht mehr Gabe, sondern Habe?

Sind große Teile Europas kinderunverträglich geworden?

In Wien soll morgen im Rathaus die 30-jährige Arbeit des Abtreibungsambulatoriums am Wiener Fleischmarkt mit einem Cocktailempfang gewürdigt werden. Nach scharfen Protesten gegen diese Veranstaltung vonseiten kirchlicher Würdenträger will man jetzt nur noch in einem Lokal, dem Rathauskeller, feiern. Dies wäre wieder einmal eine österreichische Lösung: Nach einem kurzen Aufheulen einiger scharfer Geschosse und etwas hilflosem Argumentieren landet vermutlich nicht nur die Feier, sondern auch das Thema wieder im Keller. Das jedoch wäre schade. Es ist höchste Zeit, sich der Frage zu stellen: Wie kinderverträglich sind wir Erwachsene?

Dass die katholische Kirche konsequent für das Lebensrecht des Ungeborenen als vollwertigen Menschen eintritt, ist klar und somit keineswegs verwunderlich. Doch auch der medizinische Alltag gibt einiges zu denken: Wir Ärzte sind mit Patientinnen konfrontiert, die nach einer Abtreibung an schweren Depressionen leiden. Dies ist längst kein Geheimnis mehr und auch wissenschaftlich bearbeitet. Dennoch: Wer die seelischen Schmerzen über den Verlust des Kindes anspricht, rührt an ein Tabu, das längst öffentlich und ohne ideologische Scheuklappen diskutiert gehörte. Hier werden tausende Frauen (und Männer) Opfer einer Schweigespirale, wenn ihnen erklärt wird – auch von Ärzten! –, eine Abtreibung sei so etwas wie eine Blinddarmoperation, ein Routineeingriff ohne Risken. Es gibt Nebenwirkungen seelischer Art, über die man aufklären muss. Dass die seit den mittlerweile 35 Jahren Fristenregelung versprochenen „flankierenden Maßnahmen“, zu denen unter anderem die Trennung des beratenden und des abtreibenden Arztes gehört, bis heute einfach in einer politisch-ideologischen Schublade liegen, ist inakzeptabel.


Keine Motivforschung

Es gibt auch keine Motivforschung, ja nicht einmal eine anonyme Statistik, um die Zahl der Abtreibungen in Österreich und damit auch ihre gesellschaftspolitische Dimension zu erfassen. Wie aber soll man helfen, wenn man die Ursachen nicht kennt?

Sind große Teile Europas kinderunverträglich geworden? Ein Blick auf die Bundesrepublik zeigt die Dimensionen, die wohl analog auf Österreich angewendet werden könnten: Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2008 offiziell 114.500 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Knapp drei Viertel der Frauen waren zwischen 18 und 34, 15 Prozent zwischen 35 und 39 Jahren alt. Nur acht Prozent der Frauen waren 40 Jahre und älter, rund vier Prozent waren jünger als 18 Jahre. 41 Prozent der Schwangeren hatten vor dem Eingriff noch keine Lebendgeburt gehabt.

Diese Zahlen geben zu denken. Man muss sich fragen, woher es kommt, dass Väter in der Debatte so gut wie gar nicht vorkommen. Dass manche Frauen tatsächlich glauben, ihr Körper werde durch eine Schwangerschaft zerstört und hässlich. Dass das Kind nur Kraft nehmen, aber keine geben wird. Dass es jetzt eben nicht „passt“, weil ein all-inclusive-Urlaub ansteht oder man gerade auf der steilen Karriereleiter steht. Wann „passen“ Kinder denn?

Die Sehnsucht nach einem Kinderlachen und einem Miteinander der Generationen bemerkt man an Orten, wo Altersheime und Kindergärten oder Volksschulen räumlich nebeneinanderliegen. So gehen auch viele gerne in den Schönbrunner Tiergarten, nicht nur wegen der Tiere, sondern weil es dort auch „so viele lachende Kinder“ gibt. Und am Yppenplatz in Wien-Ottakring ist dank der Kinder (meist türkischer) richtig etwas los, und die Lokale sind im Sommer abends voll.

Die Freude an und das Leben mit Kindern gehören zu den Grundimpulsen des menschlichen Daseins. Oder doch nicht?

Die Infantilisierung der Gesellschaft ist die Kehrseite der Unreife, jenes Mangels an innerem Wachstum, weil die Kinder fehlen, an denen wir reifen können – die gesunden und die behinderten. Wir haben nicht nur ein intellektuelles Problem, wir haben auch ein emotionales. Kinder legt man sich als Konsumgut zu oder lässt es entfernen, wenn es nicht passt. Sie sind dann nicht mehr „Gabe“, sondern „Habe“. Man stellt Bedingungen und unterzieht die Ungeborenen einer „Qualitätskontrolle“. Oft habe ich als plastische Chirurgin mit fehlgebildeten Kindern zu tun. Medizinisch lässt sich da heute schon viel machen. Es sind teils hochintelligente Kinder, denen etwas Körperliches fehlt: Zum Beispiel ist der Sänger Thomas Quasthoff aus der Welt der Musik nicht mehr wegzudenken. Er hat keine „normalen“ Arme, aber umfängt mit seiner Stimme ganze Konzertsäle. Ein Glück, dass seine Mutter und seine Umgebung keine Bedingungen an ihn gestellt haben.


Bereicherung und Zukunft

Wenn man von Kindern spricht, dann geht es ja nicht bloß um quantitatives Wachstum einer Gesellschaft, um demografische Daten, sondern auch um ein qualitatives Wachstum, um geistiges Potenzial. Man kann Nobelpreisträger nicht erzeugen, hieß es jüngst am Forum Alpbach. Richtig. Aber wem aller haben wir das Potenzial dazu schon weggenommen?

Es wird Zeit, aus den ideologischen Kellern zu kommen und den Tatsachen in die Augen zu blicken: Wer in Kinder investiert, bereichert die Gegenwart und sichert Zukunft, für die Gesellschaft und für sich.

Die Debatte geht weiter: Morgen lesen Sie hier Kommentare des Gynmed-Betreibers Christian Fiala und der Psychoanalytikerin Verena Strausz.

Univ.-Prof. Dr. Hildegunde Piza war Vorstand der Univ.-Klinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in Innsbruck und ist dreifache Mutter.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2009)