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Münchens Stimme der Ruhe und Besonnenheit

Schie�erei in M�nchen
Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins.(c) APA/dpa/Lukas Schulze
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Marcus da Gloria Martins, Münchens Polizeisprecher, agiert seit dem Amoklauf als souveräner Kommunikator. Der gebürtige Rheinländer mit portugiesischen Wurzeln avancierte zum Helden im Internet.

Seit Freitagabend, als er zu einem Autohaus nahe des Tatorts vor dem Olympia-Einkaufszentrum im Norden Münchens eilte, um eine improvisierte Pressekonferenz zu geben, hat Marcus da Gloria Martins nur wenige Stunden Schlaf gefunden. Münchens Polizeisprecher ist gefragt – ob bei den kurzfristig einberufenen Pressegesprächen in der Polizeizentrale der vergangenen Tage oder in Frank Plasbergs außertourlich angesetzter Talk-Runde „Hart, aber fair“ am Sonntagabend. Innerhalb weniger Stunden hat es der 43-Jährige als Stimme der Ruhe und Besonnenheit angesichts der grassierenden Panik und Hysterie in den sozialen Netzwerken zum Helden und zum Objekt einer eigenen Facebook-Fanseite mit mehr als 50.000 Anhängern gebracht, was er selbst als völlig unangemessen empfindet.

Souverän, eloquent, ohne Floskeln und gestelztes Juristendeutsch, sondern durchaus mit Sprachwitz leitet der gebürtige Rheinländer mit portugiesischen Wurzeln als Krisenkommunikator die Öffentlichkeitsarbeit der Münchner Polizei. Er bewahrt in Stresssituationen die Nerven, und als ein Journalist insistierend nachfragte, entgegnete Martins schlagfertig, für eine adäquate Antwort würde er eine Kristallkugel benötigen. Einem anderen Reporter drohte er scherzhaft eine gelbe Karte an. Zudem bat er die Medienvertreter, keine „Kettenfragen“ zu stellen – und nicht drei oder gar vier Fragen in eine einzige Frage zu verpacken.

Höflich, aber entschieden wies Marcus da Gloria Martins den TV-Moderator Plasberg in die Schranken: „Gebt uns doch mal die Chance, Fakten zu schaffen.“ Sein Tenor angesichts der hyperventilierenden Medienmaschinerie heißt: „Nicht spekulieren, nicht voneinander abschreiben.“

Sein Team, das Twitter–Meldungen auch auf Englisch, Französisch und Türkisch absetzte, erhielt großes Lob. In den Abendstunden des Freitag waren binnen weniger Stunden 4300 Notrufe eingegangen, die sich überwiegend als Fehlalarm herausgestellt hätten. „Wir sind nur eine Stimme im Chor der Gerüchte.“ Insgesamt waren in München 2300 Polizisten im Einsatz. Auf Facebook installierte das Medienteam zudem eine Seite, auf der Augenzeugen Fotos und Videos posteten.

„Meine Kinder waren schon ziemlich enttäuscht“, erzählte er, als er am Freitagabend zum Dienst beordert worden war. Auf dem Weg ins Polizeihauptquartier seien ihm Menschen in Panik entgegengekommen. „Da weiß man, was Angst mit Menschen macht.“

Er selbst hat seinen Polizeidienst in Köln begonnen, erst als Streifenpolizist, später bei der Autobahnpolizei und als Zivilfahnder. An der Universität in Münster absolvierte Martins dann ein Masterstudium, das er mit einer Arbeit über Krisenkommunikation abschloss. Die Liebe hat ihn zwischendurch nach München gezogen, wo er erst die Verkehrspolizei leitete. Nun hat er sich für höhere Aufgaben empfohlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2016)