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Brandstätter: „Es ist vorbei mit Nachrichten vorlesen“

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Helmut Brandstätter über die „Zeit im Bild“, die er sich nicht mehr ansieht, die Kommunikationsdefizite von Bundeskanzler Faymann, die verfehlte Personalpolitik des ORF und seine eigenen Werbespots im Radio.

Die Presse: Sie waren von 1997 bis 2003 Chef des deutschen Nachrichtensenders n-tv. Denken Sie mit Wehmut an Ihre große Zeit zurück?

Helmut Brandstätter: Nicht, dass ich jetzt nicht große Zeiten hätte. Ich bin nun Unternehmer, und das hat auch seine Reize. Aber meine Eigentümer damals waren die besten, die man sich vorstellen kann, die Kombination der CNN-Gruppe, der Familie Holtzbrinck und der Familie Nixdorf. Die wollten zwar auch Geld verdienen, aber die Qualität hat immer gestimmt.

 

Zuletzt haben Sie – vorsichtig formuliert – recht schräge Radiospots für die Gratiszeitung „Heute“ gemacht. Hatten Sie das wirklich nötig?

Brandstätter: Auch wenn man mir das nicht ansieht: Ich bin ein spielerischer Typ. Und wenn jemand mit Ideen kommt, die meine spielerische Ader zur Geltung kommen lassen, dann freut mich das sehr. Dazu kamen natürlich noch die Eitelkeit, dass meine Stimme erkannt wird, und das Geld, das ich erhalten, zum Teil dann aber gespendet habe. Und mir ist lieber, die Leute lesen eine Gratiszeitung als gar keine Zeitung.

 

Werden Sie als ehemaliger „Inlandsreport“-Moderator noch auf der Straße angesprochen?

Brandstätter: Ja, das stört mich auch nicht. Manche sagen sogar, sie hätten mich erst vor Kurzem im Fernsehen gesehen, was nicht sehr wahrscheinlich ist. Oder erzählen mir, was ich damals alles gesagt habe. Da frage ich mich dann schon: Warum erkennen die mich noch? Das kann ja nicht nur daran liegen, dass ich – unter Anführungszeichen – so großartig war, sondern daran, dass seither relativ wenig passiert ist. Der ORF war früher groß darin, Persönlichkeiten zu entwickeln und auszubilden, wofür auch ich dankbar bin. Das hat sich aber leider irgendwann aufgehört. Ich behaupte: Fernsehen besteht zu einem großen Teil aus Persönlichkeiten. Das wird seit sehr langer Zeit im ORF vernachlässigt. Es gibt nur mehr eine Handvoll Stars im ORF. Und einige sehr gute Leute werden jetzt frühzeitig in Pension geschickt. Eine Tragödie. Allein diese Maßnahme wird die Qualität weiter senken. Es gibt ein schönes Zitat von Antonio Gramsci: „Die Krise besteht darin: Das Alte kann nicht sterben und das Neue nicht geboren werden.“ Immer wenn ich an den ORF denke, fällt mir das ein.


Der bürgerliche Brandstätter zitiert einen der großen Vordenker der Linken. In der ORF-Farbenlehre galten Sie ja immer als „schwarz“. Sie waren einst auch bei den ÖVP-nahen Studenten von der ÖSU. Wo stehen Sie heute politisch?

Brandstätter: Ich war nie bei einer Partei. Aber der ÖSU fühle ich mich noch immer zugehörig – die war linkskatholisch, sehr sozial orientiert, antiautoritär, aber für die freie Marktwirtschaft.


Sie haben sich 2006 als ORF-Generaldirektor beworben...

Brandstätter: Nein, ich bin von zwei Stiftungsräten nominiert worden. Ich hätte mich selbst nicht beworben, da ich gewusst habe, dass es eine politische Abstimmung ist. Daher bin ich auch sehr entspannt zum Hearing gegangen. Ich wusste ja, dass ich es nicht werden kann. Ich habe dort wortwörtlich gesagt: Sollten Sie heute den Fehler machen, mich nicht zu wählen, dann machen Sie bitte nicht noch einen Fehler: Machen Sie stattdessen die Fenster auf und nehmen Sie die Hälfte der Führung von außen! Holen Sie Kreative von außen, auch aus anderen Ländern! Da war heftiges Nicken, Applaus. Das Ergebnis ist bekannt. Schon damals war übrigens klar, dass die Werbung im ORF und damit die Einnahmen zurückgehen würden.

 

Wären Sie ORF-Generaldirektor...

Brandstätter: ...würde ich die Zwischenwände in der Kantine abreißen. Die Mitarbeiter sollten wieder miteinander reden. Dort versteckt sich jeder irgendwo, jeder redet über den anderen – statt miteinander. Der ORF hat ein finanzielles Problem, ein kreatives Problem und ein Identitätsproblem. Das Geld muss aus der Verwaltung wieder hinüber in den kreativen Bereich. Aber dazu bräuchte es Führung.

 

Was soll aus dem ORF-Fernsehen werden? Einer der Vorschläge lautet: ORF1 privatisieren, strenges öffentlich-rechtliches Programm auf ORF2.

Brandstätter: Wenn ich Verschwörungstheoretiker wäre, würde ich sagen, die bereiten das gerade vor. Möglicherweise wird am Ende tatsächlich nichts anderes übrig bleiben. Die Frage ist dann nur: Wie viel muss man auf ORF 1 noch drauflegen, damit es ein Deutscher kauft?

 

Was sehen Sie gern im ORF?

Brandstätter: Die „Zeit im Bild“ nicht. Das ist dem Altersschnitt nach eine Pensionistenveranstaltung. Was die erzählen, weiß ich schon vorher, wenn ich ins Internet schaue. Die haben dort eines nicht verstanden: Es ist vorbei mit Nachrichten vorlesen. Es gehören Geschichten erzählt, es gehört kommentiert. Die „ZiB2“ hingegen schaue ich mir öfters an.

 

„Hohes Haus“ wahrscheinlich auch.

Brandstätter: Immer. Eine tolle Sendung. Alexander Wrabetz hat einmal gesagt, dass sei die beste Magazinsendung des ORF. Dann sehe ich noch gerne Dokumentationen, aber die finden im ORF leider erst nach 22 Uhr oder 23 Uhr statt. Dabei käme dem ORF da wirklich ein Bildungsauftrag zu. Wieso gerade sozialdemokratische Geschäftsführer wie Wrabetz oder früher Zeiler das Gegenteil fördern, ist mir ein Rätsel.

 

Wie finden Sie die heurigen „Sommergespräche“ des ORF?

Brandstätter: Ingrid Thurnher ist natürlich alleine besser. Ich habe in den Neunzigern vergleichbare Sommergespräche gemacht – Bürger fragen Politiker. Das war ein einziges Desaster. Was ich damals gelernt habe, war, dass Bürger, auch Prominente, im Vorgespräch erklären, was sie dem Politiker für eine Gosch'n anhängen werden, kaum sitzen sie aber dem Kanzler gegenüber, werden sie ganz zahm.


Sie haben einst als Geschäftsführer auch Puls TV hochgezogen.

Brandstätter: Das war eine Leistung. Das war wie in Mekka eine Kirche zu bauen. Wir sind auf allen Ebenen vom ORF behindert worden. Ein großes Abenteuer. Und heute haben sie bei Puls TV die internationalen Fußballrechte. Das Drama des ORF ist ja, dass er so lange keine Konkurrenz hatte.

 

Sie leiten heute Ihre eigene PR-Agentur BBC (Brandstätter Business Communications). Es heißt, Sie beraten auch Rakhat Alijev. Stimmt das?

Brandstätter: Nein. Ich arbeite nur hin und wieder für meinen alten Freund, den Strafverteidiger Wolfgang Brandstetter (Alijevs Rechtsvertreter, Anm.), mit dem ich studiert habe, und mache für ihn ein wenig PR-Arbeit.

Sie haben jüngst ein Buch geschrieben mit dem Titel „Hör. Mir. Zu.“. Geben Sie uns eine Kurzversion?

Brandstätter: Sokrates hat gesagt: „Wenn du mit einem Zimmermann sprichst, musst du Vergleiche verwenden, die ein Zimmermann versteht.“ Das heißt: Es ist egal, was du sagst, wichtig ist nur, was der andere hört. Also musst du so reden, dass du verstanden wirst.


Beherrscht der derzeitige österreichische Bundeskanzler das?

Brandstätter: Die Kommunikation mit verschiedenen Gruppen? Ich höre, dass sich vor allem Künstler und Intellektuelle, die der Sozialdemokratie nahestehen, ein bisschen verlassen fühlen. Und ich glaube, Werner Faymann müsste öfter mal kommunizieren, wo es langgeht, ohne schon vorher an die Reaktion der Medien zu denken.


Gibt es einen Politiker, der in seiner Kommunikation relativ perfekt ist?

Brandstätter: Wenn man Josef Pröll mit seinem landwirtschaftlichen Background vor Bankern reden hört, hat man das Gefühl, er findet die Verbindung zu den Leuten, und es scheint ihm Spaß zu machen. Das ist ganz wichtig. Josef Pröll vermittelt das Gefühl: Egal, was er gerade macht, er hat sich auf diesen einen Augenblick besonders gefreut.


Sie haben in Ihrer Karriere viele Politiker kennengelernt: Wer hat Ihnen besonders gefallen?

Brandstätter: Mir haben immer jene gefallen, die sich, wenn sie mächtiger wurden, menschlich nicht allzu sehr negativ verändert haben. Und jene, die gewusst haben, was sie wollen. Ich habe mit Helmut Kohl bei TV-Interviews viele Sträuße ausgefochten, aber er war so ein Politiker. Oder auch Willy Brandt. Oder der führungsstarke Jacques Delors, der viel für Europa gemacht hat.


Bisher erschienen: Gustav Peichl, 13.7., Barbara Helige, 17.7., Jazz Gitti, 25.7., Reinhard Haller, 29.7., Werner Lampert, 5.8., Christoph Badelt, 6.8., Fatima Ferreira, 8.8., Kurt Palm, 10.8., Abt Bruno Hubl, 14.8., Nina Katschnig, 22.8., Susanne Trauneck, 26.8.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2009)

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