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Historiker: "Polen spielte die Rolle eines Zünders"

(c) EPA (Andrzej Rybczynski)
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Der Warschauer Historiker Jerzy Holzer erklärt, warum es in Polen seit 1956 immer wieder zu Aufstandsbewegungen gegen das kommunistische Herrschaftssystem kam.


Die Presse: Was sind denn bei der Entwicklung, die hin zum Sturz der kommunistischen Herrschaftssysteme in Mittel- und Osteuropa führten, spezifisch polnische Faktoren?


Professor Jerzy Holzer: Die Entwicklungen hin zu 1989 begannen in Polen eigentlich schon 1956. Es gab in Polen massenhafte Protestbewegungen in den Jahren 1956, 1970, 1976 und 1980, die trotz aller Rückschläge letztlich zum Sieg von 1989 führten. Das war den Ostdeutschen 1953, den Ungarn 1956 und den Tschechen und Slowaken 1968 so nicht gelungen.

Warum hat Moskau das zugelassen?


Holzer: Wahrscheinlich glaubte Moskau bis 1980, dass die polnische Führung die Protestbewegungen in den Griff bekommt, was eigentlich auch der Fall war. Die Grundlagen des Herrschaftssystems blieben bis 1980 ja unberührt. Und auch 1980/1981 hat die polnische Führung die Sache selbst in die Hand genommen und die unabhängige Gewerkschaftsbewegung gewaltsam ausgeschaltet – wenn dies gewiss auch auf den Druck Moskaus hin erfolgte.

Was war 1980 das Besondere an der polnischen Aufstandsbewegung?


Holzer: Zum ersten Mal trat hier im kommunistisch regierten Ostblock eine organisierte Massenbewegung in Erscheinung. Natürlich gab es auch in der DDR 1953, in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968 Massenbewegungen, aber diese waren nicht organisiert. Dabei lässt sich darüber streiten, ob es 1980 wirklich zehn Millionen Solidarność-Mitglieder gegeben hat, aber sicher waren es mehrere Millionen.


Gab es auch äußere Faktoren, die in der Entwicklung eine Rolle spielten?


Holzer: Bei der Unterdrückung der Solidarność-Bewegung nach Verhängung des Kriegsrechts 1981 spielte der Helsinki-Faktor eine Rolle. Die kommunistischen Führungen hatten sich in der Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die 1975 in Helsinki verabschiedet wurde, zur Einhaltung gewisser bürgerrechtlicher Standards bekannt. Damals war es darum gegangen, die Lage zwischen Ost und West zu entspannen und das Wettrüsten zu zügeln. Der Osten erhoffte sich auch wirtschaftliche Vorteile und zeigte sich deshalb bereit, im Gegenzug zumindest ein Minimum europäischer Verhaltensregeln zu respektieren.

Aber die Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 war doch eine massive Verletzung der Menschen- und Bürgerrechte?


Holzer: Ganz bestimmt. Und doch konnten die Reste der Solidarność damals schon nicht mehr mit den traditionellen Mitteln massiver Repression ausgeschaltet werden. Der Kreis der Verfolgten blieb eingeschränkt, Abertausende blieben im Untergrund politisch aktiv. Das war zwar keine Millionenbewegung mehr wie noch 1980, aber immer noch eine Massenbewegung – vor allem, wenn man sie mit der Opposition in anderen Ostblockländern vergleicht.

Welche Rolle spielte dann ab 1985 die Reformpolitik des neuen Sowjetführers Michail Gorbatschow?


Holzer: Gorbatschows Perestrojka sollte wie schon die Reformen von Nikita Chruschtschow von Anfang an nur begrenzten Umfang haben und im Wesentlichen die Wirtschaft betreffen. Aber das ging nicht. Und wie bei Chruschtschow zeigte sich, dass das Tempo der Entwicklungen in den anderen Ostblockstaaten ein anderes war als in der Sowjetunion selbst. Dabei ging es besonders um Polen, teilweise auch um Ungarn, weniger um die Tschechoslowakei, die DDR und Bulgarien. In Polen und Ungarn wurden Entwicklungen angestoßen, die weit über die Intentionen der Perestrojka hinausgingen. Und wie schon Chruschtschow stand die Sowjetführung von Gorbatschow vor den Möglichkeiten: weitermachen oder Schluss machen – also gewaltsame Intervention und Unterdrückung.

Gorbatschow entschied sich fürs Weitermachen...


Holzer: Ich glaube, dass Gorbatschow bei seiner Entscheidung Chruschtschows Schicksal vor Augen hatte: Wenn man die Reformen bremst, sind die Reformen verloren und das eigene politische Schicksal besiegelt. Diese Erkenntnis hat er auch auf Polen übertragen, wo sich aufgrund der organisierten Oppositionsbewegung die Entwicklung ohnedies nicht von heute auf morgen stoppen ließ. In diesem Sinne spielte Polen die Rolle eines Zünders.

Hat in Polen eigentlich in den 1980er-Jahren irgendjemand geahnt, wo das alles hinführen wird?


Holzer: Nein, niemand in Polen, niemand im Ostblock und niemand im Westen. In Polen rechneten weder die kommunistischen Machthaber noch die Opposition damit, dass am Ende der Kollaps des Systems kommen würde. Selbst nach den halbfreien Wahlen im Juni 1989 hat weder die Regierung noch die Solidarność verstanden, dass man mit einer öffentlich entblößten, schwachen Macht einfach keine tief greifenden Reformen würde durchführen können. Beiden Seiten war damals nur zu bewusst, dass konsequente Reformen mit schmerzlichen Lasten für die Bevölkerung einhergehen würden. Deshalb zeigten sich ja auch Kommunisten und Opposition bereit, gemeinsam am runden Tisch nach Kompromissen zu suchen. Weder die Machthaber noch die Opposition rechneten aber damit, dass das alles in einer so spektakulären Niederlage des Systems enden würde.

Was waren denn die Fehler der Kommunisten am runden Tisch?


Holzer: Sie glaubten, dass sie besser organisiert seien und bei den halbfreien Wahlen schon eine Mehrheit im Parlament zustande bringen würden. In ihrer Überheblichkeit stimmten sie deshalb einer Mehrheitswahl zu. Aber die grobe Fehleinschätzung hing auch mit dem System zusammen: Woher sollten die Machthaber schon wissen, wie die Bevölkerung in einer völlig neuen Situation – bei den ersten nicht gefälschten, ohne Druck von oben durchgeführten Wahlen – abstimmen würde? Die konnten das gar nicht wissen. Sie hatten keine Erfahrung, und die Opposition hatte auch keine.

Zurück zur Frage, warum es gerade in Polen wiederholt zu spontanen Protestbewegungen kam. Müssen wir da nicht auch die Rolle der katholischen Kirche und eine traditionell rebellische Arbeiterschaft erwähnen?


Holzer: Natürlich spielte auch der Katholizismus eine Rolle. Aber wichtig war auch, dass Polen das Land im Ostblock mit der stärksten antirussischen Tradition im kommunistischen Block war, dass es mehr als 100 Jahre unter russischer Herrschaft gestanden war. Der Katholizismus und die antirussischen Gefühle waren spezifisch polnisch. Beides wirkte sich darauf aus, dass es die Kommunisten dann so schwer hatten, die Gesellschaft zu beeinflussen: weil, erstens, der Kommunismus ein Import aus Russland war, und weil er, zweitens, ein atheistisches System war.

Aber gibt es in Polen so etwas wie eine Lust am Aufstand?


Holzer: Was es gibt, ist das Gefühl, eine große Nation zu sein. Das drückt sich so aus: „Wir sind kein schwaches Land, mit uns wird man nicht so leicht fertig!“ Ich glaube übrigens, dass man das in Moskau auch so sah. Polen war als Nuss wesentlich schwerer zu verdauen als Ungarn oder die Tschechoslowakei. Moskau blickte auf Polen stets mit einem etwas bangen Gefühl. Man hoffte in Moskau stets, dass die Polen ihre Dinge selbst in Ordnung bringen werden, weil man sich nicht zu tief in polnische Angelegenheiten verstricken wollte.
Andererseits waren die kommunistischen Machthaber in Polen auch mehr als jede andere Führung im Ostblock darauf bedacht, eine gewisse Selbstständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu wahren. Dies auch deshalb, weil sie sich bewusst waren, dass sie im eigenen Land eine relativ schwache Basis hatten. Jaruzelski machte nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981 nicht alles, was Moskau von ihm verlangte, zum Beispiel schärfere Repressionen.

Gibt es für den Historiker Fragen in Zusammenhang mit 1989, die noch nicht völlig geklärt sind?


Holzer: Für mich ist noch immer nicht ganz klar, wie stark die Demoralisierung im kommunistischen Parteiapparat Ende der 1980er-Jahre war, dass er letztlich dann alle Lust an einer offenen Konfrontation mit der Solidarność verloren hat. Ja, die Spitzenleute Jaruzelski und Rakowski wollten Reformen und waren deshalb zu Kompromissen mit der Opposition bereit. Aber der Parteiapparat, die Staatssicherheit, die Armee zeigten damals eigentlich schon mehr Interesse daran, sich in der privaten Wirtschaft zu engagieren. Diese Prozesse hat noch niemand eingehend analysiert.

Gibt es andere weiße Flecken?


Holzer: Am runden Tisch hatte es eine Verständigung gegeben, dass die Kommunisten nach den Wahlen die Regierung bilden würden. Doch auf einmal hieß es, dass sich die Solidarność mit den früheren Satellitenparteien der Kommunisten auf eine Regierungsbildung verständigt hätten. Es gibt Hinweise darauf, dass die Parteiführung danach einen Brief an die Basisorganisationen im Land vorbereitete, dass man eine Regierung ohne Führung der Kommunisten niemals akzeptieren werde, weil das die internationale Sicherheit und die Freundschaft zur Sowjetunion gefährden würde. Dann telefonierte Rakowski mit Gorbatschow und plötzlich war das Brief-Projekt vom Tisch. Hat Gorbatschow damals Rakowski gesagt, dass Moskau keinen Druck auf Polen ausüben werde und alles in der Verantwortlichkeit der polnischen Genossen selbst liege? Was hat den Sinneswandel der kommunistischen Führung innerhalb weniger Tage bewirkt? Aus polnischen Quellen wird sich dies vermutlich nicht klar beantworten lassen, vielleicht wird einmal eine russische Notiz dazu auftauchen.

Es gibt also noch Geheimnisse hinsichtlich der Rolle Moskaus?


Holzer: Die gibt es nicht nur hinsichtlich der polnisch-russischen Gespräche. Wie war das zum Beispiel mit der Grenzöffnung mit Ungarn im Sommer 1989? Ich war gut mit einem ungarischen Historiker befreundet, der 1989 als Kulturminister in der ungarischen Regierung diente. Ich fragte ihn, ob Gorbatschow über die Grenzöffnung im Voraus informiert worden sei, und ob der Sowjetführer das akzeptiert habe. Ja, antwortete er. Aber darüber findet man nichts in den Dokumenten.

Was für Fehler haben denn die ersten nichtkommunistischen Regierungen in Polen gemacht?


Holzer: Man kann darüber streiten, ob das Tempo der Wirtschaftsreformen gut war, und ob die Schocktherapie von Leszek Balcerowicz richtig war. Oder ob es von Anfang an eine konsequente Entkommunisierung hätte geben müssen. Tatsächlich ist diese Frage dann ja während der Regierung Kaczyński plötzlich in Form einer populistischen antikommunistischen Säuberungswelle virulent geworden.

Warum aber ist es in Polen nicht zu einer konsequenten Entkommunisierung gekommen?


Holzer: Ich weiß nicht, was entscheidend für die Entscheidung war: der Widerstand aus den postkommunistischen Kreisen oder die Angst von Teilen der Solidarność, die wie Adam Michnik eine totale Vergiftung der gesellschaftlichen Atmosphäre befürchteten.

War es Tadeusz Mazowieckis Idee, bei seinem Amtsantritt als erster nichtkommunistischer Premier zu fordern, einen dicken Strich unter die Vergangenheit zu ziehen?


Holzer: Ich bin sicher, dass Mazowiecki mit dem dicken Strich nicht ein Nein zur Bewältigung der kommunistischen Vergangenheit gemeint hat. Er wollte damit sagen, dass die neue Führung keine Verantwortung dafür übernimmt, was die Kommunisten früher angerichtet haben. Andererseits gab es tatsächlich eine Gruppe innerhalb der Oppositionsführung, die eine weitgehende Amnestie befürwortete. Anfang der Neunzigerjahre wandte ich mich einmal an einen Minister der Regierung Mazowiecki und berichtete ihm, dass in meiner Nachbarschaft ein früherer kommunistischer Beamter dabei sei, sich ein Haus aus Staatsbesitz unter den Nagel zu reißen. Der antwortete mir: „Die müssen doch auch etwas bekommen, sonst werden sie nie Ruhe geben. Besser, wenn sie klauen als wenn sie gegen uns kämpfen.“


Da zeigte sich die falsche Vorstellung einer Entkommunisierung. Sie entsprang dem Gedanken, dass die Kommunisten gefährlich bleiben, und dass man die Freiheit von ihnen erkaufen müsse.