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Pop

Artifizielles Wienertum aus Tulln, Blasmusikpop mit Stargästen

7. POPFEST WIEN 2016
(c) APA/HANS PUNZ (HANS PUNZ)
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Voodoo Jürgens und die MusikarbeiterInnenkapelle eröffneten das siebte Wiener Popfest mit Kunstrausch und Trara.

Längst gibt es digitale Namensgeneratoren, die es jungen Musikanten leicht machen, Passendes zu finden. Aber wer will das schon, heute, wo schon im Kindergarten auf Kreativität bestanden wird? Mancher entscheidet sich für das Risiko, andere für das marketingtechnisch nützliche Anschmiegen an eingeführte Namen, Count Basic und Chet Faker sind Beispiele dafür. Für Vertreter des heimischen Idioms bietet sich das weite Reich des Schlagers als Inspiration an. Der junge Mann, von dem hier die Rede ist, suchte an den lieblichen Gestaden des Wörthersees. Und so nennt er sich kühn Voodoo Jürgens. Genau besehen ist dieser Künstlername ein Kompositum wie Leberkäse. Der besteht bekanntlich weder aus Käse noch aus Leber. Ähnlich ist es mit der Musik von Voodoo Jürgens.

Spiritualität? Nein. Schlagersoul? Auch nicht. Sondern höchst artifizielles Wienertum. Ein Spreitzerl – um nicht zu sagen: einen Tschick – zwischen den Fingern, schritt Herr Voodoo torkelnden Schritts vor das Mikrofon. Die Bierdose in seiner Hand war vielleicht echt, der Rausch war imaginär. Bereits das erste Gstanzl lobte die Entgrenzung, die mit Einbruch der Dunkelheit einhergeht. Ja, dann werden die G'schamigen locker! Und weil die Zärtlichkeit in Wien gern mit einer guten Dosis Grausamkeit verabreicht wird, zählte Voodoo Jürgens genüsslich ein paar Spezialitäten häuslicher Gewalt auf: die blutzirkulationsanregende Brennnessel, das Packl Haustetschn, die zirkusreife Stereowatschn, die jähe Gnackflack. Der Bassist seiner Band namens Ansa Panier spielte dazu Läufe voll galoppierender Zuversicht, sein vom Abendrot illuminiertes Ketterl wackelte jetzt verlockend, und so manches Fräulein sah allmählich über die kuriose Reindlfrisur hinweg.

Mit „Gitti“ wurde ein Lied über eine gefährliche Menage à trois angestimmt. Grimmig wurde es in „Drei Gschichtn aus dem Café Fesch“, einprägsamen Vignetten aus dem tiefen Milieu. „Tulln“ nahm mit in Voodoo Jürgens' Heimatstadt, in der angeblich „die Kinder in der Früh ins Bushüttel schlatzen“ und ein Stadtpark-Fredl öffentlich onaniert. Wahrheit und Dichtung vermischen sich bei ihm wohl recht frei. Aber viele der Bilder stimmen, etwa jenes vom Glück, das rote Pelargonien bringen. „A gscheiter Bua braucht an Feitl und a Schnur und Kirschenkern im Magen“, sang er, und niemand mochte widersprechen. Die Grenzen zur Outrage überschritt er nur in seiner Ode an Hansi Orsolics. Beim morbiden Hit „Heite grob ma Tote aus“ zeigte sich das Publikum textsicher, auch bei der würdigen Abschlussballade „Sie wern lochn, I kennt rean“.

 

Erfreulich: Skero, Spechtl, Slivovsky

Nach dieser geglückten Eröffnung wurde die Statik der recht filigran aussehenden „Seebühne“ von der 60-köpfigen MusikarbeiterInnenkapelle getestet. Gerüstet mit einem Binnen-I und der Zuversicht, dass man Blasmusik und Pop besser fusionieren kann als Vea Kaiser, begaben sich diese praktizierenden Freunde und Freundinnen der Blasmusik mutig in Richtung Profanität: Es gab Hits – oder Hitte, wie sie selbst lieber sagen. Und so öffneten der von Minisex bekannte Rudi Nemeczek und Ko-Kuratorin Ankathie Koi mit „Maschin'“ von Bilderbuch die Partydose der Pandora. Die Qualität der Akteure war wechselhaft. Skero verwöhnte mit einer sehr lässigen Adaption des eigentlich längst totgespielten Falco-Hits „Rock Me Amadeus“. Auch David Kleinl von Tanz Baby! entzückte: Seine Lesart von Kraftwerks „Das Model“ bestach durch karge Soulfulness. Danach ging es in den Orkus des Elends: Clara Luzia zerquietschte „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode, Ankathie Koi quälte gehörig mit „Live Is Life“ von Opus in der Laibach-Version. Tiefpunkt war „Servas“, ein Lied, das wohl kaum eine Chance in der Brieflosshow hätte.

Andreas Spechtl mit dem rau gesungenen Partisanenklassiker „Bella Ciao“ und Slivo Slivovsky mit dem rüde angelegten Rage-Against-The-Machine-Hit „Killing in the Name“ versöhnten nachhaltig. Da hätte es Popfest-Ko-Kurator Gerhard Stöger gar nicht nötig gehabt, sich als Jubelperser im Publikum zu gebärden und nach Zugabe zu schreien. Die Fräuleinversion von Wandas „Bologna“ war ohnehin geplant gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2016)