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Vom Genie zum Talent – oder doch lieber andersherum?

Lorenzo Viotti
(c) Ugo Ponte
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In der Musik ist es gar nicht so schwer, eine sehr rasche Karriere zu machen. Andererseits zeigt die Geschichte, dass es nicht leicht ist, einmal auf dem Gipfel angelangt, dort auch längere Zeit zu verweilen.

Nun gibt es ihn, den Young Conductors Award – und man ist sich nicht so sicher, wie gut ein solcher Wettbewerb für die Karrieren der gekürten kommenden Maestri wirklich ist. Ein Festival wie jenes in Salzburg darf es sich zwar zur Ehre anrechnen, neuen Talenten eine Startbasis zu bieten. Dennoch ist die Sache heikel. In früheren Zeiten hieß es: Im Festspielbezirk mögen sich die herausragenden Künstler der Welt die Klinke in die Hand geben, um sich mit dem gewaltigen Erbe der europäischen Kultur auf höchster Ebene auseinanderzusetzen.

Doch machte schon Herbert von Karajan höchstselbst Ausnahmen von der Regel. Besonders spektakulär, indem er die damals 13-jährige Anne Sophie Mutter als Solistin eines Mozartkonzertes ins Festspielhauses bat.
Natürlich war das der Anfang einer Super-Karriere, denn die Deutsche war nicht nur über die Maßen begabt, sondern auch willig, den Fittichen Karajans nicht schnell in Richtung rascher Ausbeutung ihrer Ressourcen zu entfliehen. Wie klug das war, zeigt sich heute: Mutter ist die Grande Dame der Geigerprominenz und füllt die Säle – ob Carnegie oder Suntory Hall.

Eine solche Karriere ist keineswegs die Regel. Die jüngere Interpretations-Geschichte ist reich an gestrandeten Super-Talenten, die im Glorienschein oder leicht bekleidet in einem Brunnen stehend, gleich viel, von CD-Covers lächeln, ehe sie das dort festgehaltene Programm auf einer Konzerttournee quer über den Globus vorstellen. Die aggressiven Vermarktungsstrategien sind zwar mittlerweile mit den Verkaufszahlen der CD-Labels eingebrochen; was jedoch keineswegs heißt, dass die Gefahr von Ein-bis-zwei-Jahres-Karrieren gebannt wäre.
Man muss nur rechtzeitig vor Beginn der Festspielsaison die Hochglanzmagzine studieren, um zu wissen, wen die PR-Agenturen heuer zum Aufsteiger der Saison ausrufen. Mag sein, dass einige, die da unglaublich schnell Klavier oder Geige spielen oder in höchsten Koloraturen tirilieren, tatsächlich das Zeug zu einer ernsthaften Karriere hätten: Allein, man lässt ihnen keine Zeit dazu.

Vorsicht bei tiefen Dekolletés

Dass eine gediegene Musikerlaufbahn ebensolcher Vorarbeit und behutsamer handwerklicher (und geistiger) Entwicklung bedarf, gilt zwar als Binsenweisheit. Doch hält sich kaum ein Star-Macher im beinharten Musik-Business daran. Je besser ein Spitzentalent aussieht, desto höher die Gefahr einer raschen, unsanften Landung nach jähem Höhenflug. Zeitschriftencovers brauchen alle paar Monate ein neues Gesicht. Und ein Prokofieff-Konzert spielt bald einmal einer rasant, vielleicht mit offenem Hemdkragen und Dreitagebart; oder eine mit noch tieferem Dekolleté als die Vorgängerin, je nachdem.

Der Wettbewerb wird schärfer. Das Aussehen haben die Altvordern ja nicht so hoch bewertet. Ihnen ging es, scheint's, bei der Musik ums Hören.
Freilich, das Kindchenschema funktionierte damals wie heute. Schon Leopold Mozart wusste darüber Bescheid, als er mit seinen Kindern, der elfjährigen Nannerl und dem siebenjährigen Wolferl, auf Reisen ging und man allenthalben über das unglaubliche technische Vermögendieser beiden Wunderkinder staunte.

"Wie vor einem Krokodil"

Dass der Bub auf der großen „Westreise“ auch noch zum Komponisten wurde, war dann die Zuwaag'. Da wusste auch der gewitzte Leopold kaum noch Rat und saß, wie Nikolaus Harnoncourt das so schön formuliert hat, vor seinem Buben „wie vor einem Krokodil“. Instinktiv hat Papa Mozart es aber richtig gemacht, indem er seinen Sprössling angelegentlich auf die Wichtigkeit einer gründlichen handwerklichen Ausbildung aufmerksam machte.

Das Gute kommt von oben; das schon. So glaubensfest war man im Salzburger Musikantenhause allemal. Nur: ohne Fleiß kein Preis; das hatte sich als dauerhaftere Grundregel entpuppt. Sie galt und gilt bis heute, für alle, die ihren vielleicht rasch erworbenen Ruhm abzusichern gedenken. Das gab man auch einem nicht minder „Frühvollendeten“ wie dem Enkelsohn des großen Philosophen Moses Mendelssohn, Felix, mit auf den Weg.
Selbst der „Presse“-Musikkritiker Julius Korngold ließ seinen Sohn mit derlei Spruchweisheiten nicht ungeschoren, obwohl sich der – apropos Krokodil – als Komponist eines Märchenballetts schon mit elf Jahren auf der Bühne der Hofoper verbeugen durfte. „Wenn der so weitermacht, können wir alle einpacken“, kommentierte Richard Strauss den Aufstieg des kleinen Erich Wolfgang Korngold – und tatsächlich war der noch ein Teenager, als er mit der Oper „Die tote Stadt“ (1919 komponiert) die Einnahmenrekorde der Kollegen zu knacken drohte.

Zur Beruhigung der eifersüchtigen Kollegenschaft kam vergleichbar Erfolgsträchtiges nicht nach. Dass Korngold später zum Erfinder des Hollywoodsounds wurde, haben Kommentatoren stets als künstlerischen Abstieg bewertet. Die wohl bösartigste Bewertung seines so atemberaubend begonnenen Werdegangs lautete: „Vom Genie zum Talent“ . . . Den umgekehrten Weg zu gehen, wäre erstrebenswert; ihn zu finden, muss sich jeder neue Parsifal seine Route zurechtlegen.

Gefährliche Räder des Betriebs

Zu viele Abkürzungen zu wählen ist bedrohlich. Das lehren die Lebensgeschichten vieler jüngerer Musiker – vor allem, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, der Dirigenten. Diese sind begehrt, denn nahezu alle bedeutenden Symphonieorchester und Opernhäuser halten mittlerweile Ausschau nach möglichen künftigen künstlerischen Leitern und Generalmusikdirektoren. Wer angesichts dessen ohne viel Federlesens die Hand ausstreckt, um attraktive Angebote anzunehmen, sieht sich unter Umständen vor großen Problemen.

Ist es ein Zufall, dass Andris Nelsons jüngst in Bayreuth das Handtuch geworfen hat? Droht dieser ungemein begabte Animator unter die Räder eines Betriebs zu kommen, der ihn gleichzeitig zur Führungsfigur eines großen amerikanischen und eines großen deutschen Orchesters gemacht hat – und zum designierten musikalischen Leiter des nächsten Bayreuther „Ring des Nibelungen“?

Die Fahrt mit dem Ochsenkarren.

Darf ein Dirigent mit der Kür beginnen und nach scheinbar mühelos errungenen Erfolgen mit Schostakowitsch-Symphonien und Strauss-Tondichtungen die „Pflicht“, etwa Mozart- und Beethoven, am Pult von Spitzenorchestern für sich erarbeiten?
Gewiss gab es in der jüngeren Vergangenheit auch erstaunliche Phänomene wie Lorin Maazel, der schon mit neun als Dirigent vor ein Orchester gebeten wurde – und in der Folge eine kometenhafte Karriere machte, während derer er sich als der allseits bewunderte perfekteste „Schlagtechniker“ der Musik-Szene entpuppte.
Das scheint allerdings eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Die legendäre „Ochsentour“ hat vielleicht doch noch nicht ausgedient. Ein Mann, der bald nach seiner Abschlussprüfung an der Wiener Musik-Uni Angebote aus aller Welt bekam, suchte beispielsweise zunächst den Weg ans Staatstheater Meiningen, um dort Wagner einzustudieren, ist zum Symphonieorchester Vorarlberg gepilgert, um sich (und die Musiker) an Mahler zu versuchen: Heute ist dieser Kirill Petrenko GMD in München und designierter Chef der Berliner Philharmoniker . . .
Franz Welser-Möst, den mancher als Teenager schon zum „neuen Karajan“ ausgerufen hatte und der in jungen Jahren schon zum Chef der Londoner Philharmoniker geworden war, zog nach unliebsamen Erfahrungen mit raschem Ruhm die Notbremse, wählte den Weg nach Zürich – und meinte jüngst im Gespräch, die Salzburger Festspiel-Neueinstudierung der „Liebe der Danae“ sei seine 74. Premiere.

Er kommt also als gediegener Handwerker zu den Festspielen, wo nun der Preisträger des vorjährigen Conductors Award, Lorenzo Viotti, erstmals ein Konzert des RSO dirigiert. Als Sohn des früh verstorbenen, souveränen Kapellmeisters Marcello Viotti hat er vielleicht mitbekommen, welche Gefahren in dem Beruf lauern, für den er nach übereinstimmender Ansicht von Kennern geradezu prädestiniert ist: Im Wettbewerb siegte er jedenfalls souverän – sogar unter Applaus der Musiker. Jetzt wird's gefährlich für ihn. Die Musikwelt wäre für die solide Karriere eines Hochbegabten dankbar.

Steckbrief

Lorenzo Viotti (26)
kam als Sohn des Dirigenten Marcello Viotti in Lyon zur Welt und studierte Schlagzeug und Dirigieren (in der Klasse von Georg Mark an der Privatuniversität Konservatorium in Wien).
In Salzburg gewann er im Vorjahr den Young Conductors Award.
Als Assistent war er für Maestri wie Georges Prêtre oder Mariss Jansons tätig.