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Wir fürchten vieles – nur meist das Falsche

Fluchtweg in einem Tunnel
(c) www.BilderBox.com (BilderBox.com)
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Wir haben Angst, bei einem Terroranschlag zu sterben, aber nicht davor, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen. Wir essen Süßigkeiten und Burger, meiden jedoch Reisen in Krisengebiete. Angst ist immer subjektiv, deshalb sollten wir ihre Ursachen kennen. Fakten über ein Gefühl, das wir zum Überleben brauchen.

Das erste Mal stellte sich das ungute Gefühl in der Magengegend ein, als im März 2015 ein German-Wings-Pilot 150 Menschen in den Tod riss – viele davon waren Kinder. Dann kam der Anschlag in Paris. Drei Attentäter erschossen vergangenen November allein in einer Konzerthalle 89 Menschen. Ein Polizist sollte später erzählen, dass das Schlimmste das Handyläuten in der Stille gewesen sei. Die Toten lagen auf dem Boden, aber ihre Handys tobten. Es waren Freunde und Angehörige, die verzweifelt wissen wollten, ob alles in Ordnung sei.

Rund tausend Kilometer entfernt trifft Manuela B. in Wien an jenem Novembertag 2015 eine Entscheidung. Sie hatte keines der Opfer gekannt, trotzdem verlor auch sie bei den Attentaten in Paris etwas. Ihr Vertrauen, dass sie zu jeder Zeit in Wien sicher sein würde. Seither meidet die 37-jährige Juristin mit ihren drei kleinen Söhnen, sechs und acht Jahre alt, jede Art von Massenveranstaltung.

Christkindlmarkt, Filmabende in Multiplex-Kinos, selbst Einkäufe am Graben sind seither tabu. Sie verzichtet auf die U-Bahn, wenn es möglich ist, nimmt dafür lieber die Straßenbahn und fährt nun wieder mehr mit dem Auto durch die Stadt. „Die Kinder gehen auch nicht mehr zur Bücherei am Urban-Loritz-Platz, sondern in eine kleinere Zweigstelle“, erzählt sie. Auf eine Saisonkarte für die Wiener Sommerbäder hat sie heuer verzichtet, dafür leistet sie sich eine Sommerkabane in Bad Vöslau. Den ersten Bezirk meidet sie, sobald Demonstrationen stattfinden. „Wir sind jetzt viel mehr bei uns im Neunten.“ Wien, sagt sie, hätte sich verändert. Es seien zu viele Menschen, die öffentlichen Verkehrsmittel empfindet sie als überfüllt, jeder sei gleich aggressiv. Auch würden an jeder Ecke Polizisten stehen, die seien selbst sofort hektisch – all das bereitet ihr ein ungutes Gefühl im Bauch. Die Welt, wie wir sie kennen, sagt sie, die gibt es nicht mehr.

In ihrem Freundeskreis ist sie nicht die Einzige, die so denkt. Die meisten hätten aus Angst vor Terroranschlägen, Unruhen oder sonstigem Ärger ihre Urlaubspläne geändert und würden heuer in Österreich bleiben. Auch das Fahren mit dem Campingbus durch Frankreich empfinden viele ihrer Freunde nicht mehr als sicher.

Viele bleiben daheim. Sie sind keine Ausnahme. Drei Viertel der Österreicher fühlen sich durch die politische Weltlage bedroht. 20 Prozent fühlen sich in öffentlichen Verkehrsmitteln unsicher, 16 Prozent bei öffentlichen Veranstaltungen, ergab eine Marketagent-Umfrage, bei der 1000 Österreicher befragt wurden. Wer sich im eigenen Bekanntenkreis umhört, wird ähnliche Geschichten kennen. Menschen, die U-Bahnstationen zu Stoßzeiten meiden, die auf Konzerte verzichten und den Urlaub zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder in Österreich verbringen.

Logisch ist diese Angst nicht. Hält man sich an Zahlen, dann könnte jeder sein Leben wie gewöhnlich weiterleben. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terroranschlag zu sterben, steht eins zu ein paar Millionen. Zwar finden in Europa immer wieder Terroranschläge statt, doch die Zahl der Terror-Todesopfer ist im 30-Jahres-Vergleich gesunken (siehe Grafik). Selbst der sprunghafte Anstieg 2015 bleibt hinter dem Schnitt der 1970er und 1980er zurück.

Kurzum: Das Leben hierzulande ist aus anderen Gründen gefährlich. Die meisten Menschen sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gefolgt von Krebs. Jeden Tag verliert im Schnitt ein Mensch auf Österreichs Straßen das Leben. 3700 Menschen verunglücken beim Baden – davon sterben im Schnitt pro Jahr 44. Dennoch käme es niemandem in den Sinn, auf Schokolade und Hamburger zu verzichten, auf die Fahrt mit dem Auto oder Motorrad und schon gar nicht auf das Baden im Sommer. Dafür beginnen manche in der U-Bahn zu hyperventilieren, wenn der arabisch aussehende Mann mit dem Bart nebenan in seinem Rucksack kramt. Eine Erklärung für dieses Verhalten gibt es: Schuld daran ist der Kontrollverlust. „Beim Autofahren kann ich sagen: Ich steige ein oder nicht. Terror ist nicht berechenbar“, erklärt Psychologe Cornel Binder-Krieglstein. Während wir glauben, beim Paragleiten das Risiko kalkulieren zu können, und damit unser Schicksal (gefühlt) selbst in der Hand haben, fühlen wir uns dem Terror hilflos ausgeliefert. „Es ist eine neue Form der globalen Angst“, sagt Binder-Krieglstein. Eine, für die wir erst Strategien entwickeln müssen.

Strategien entwickeln. Und dabei kann der Einzelne mehr für sich selbst tun, als er glaubt. Zwar spielten laut Binder-Krieglstein auch das Verhalten von Politikern und deren Lösungsstrategien eine große Rolle, andererseits sei man selbst dafür verantwortlich, seiner Angst auf den Grund zu gehen. „Man kann sich fragen: Ist etwas überhaupt ein Risiko, und empfinde ich es als solches oder nicht. Muss ich wirklich Angst vor etwas haben, oder entspringt die Angst meiner Fantasie.“ Nicht jeder Muslim, der einen langen Bart trägt, sei etwa gleich radikalisiert, nennt er ein Beispiel.

„Gegen Angst helfen Information und Aufklärung“, sagt der Psychologe. Manchmal auch, indem man sich gewisse Szenarien im Kopf durchdenkt. „Man könnte sich einmal vorstellen, wie das ist, wenn zum Beispiel gar keine Ausländer mehr im Land wären. Gäbe es dann noch Fast-Food-Lokale, Zustelldienste oder genügend Pflegepersonal und würde es uns danach so viel besser gehen?“

Wie die Strategie schlussendlich aussieht, müsse jeder für sich selbst entscheiden. Wenn man zu dem Schluss kommt, große Plätze zu meiden, dann sei das „gar keine schlechte Strategie“, so der Psychologe. Umgekehrt sei es genauso gut zu sagen: „Jetzt gehe ich erst recht dorthin.“ Nachsatz: „Hauptsache, man hat das Gefühl, wieder die Kontrolle zu haben.“ Angst ist übrigens nichts Schlechtes. Sie lässt uns überleben.

Und sie lässt sich schwer über einen Kamm scheren. Nicht nur die persönliche Veranlagung spielt dabei eine Rolle, sondern auch das Land, in dem wir aufgewachsen sind. Studien haben ergeben, dass Menschen im Norden ängstlicher sind als jene im Süden. Was auch mit dem Wohlstand zu tun hat. Wer mehr hat, kann mehr verlieren. „Ich erkläre das immer mit dem Winter. Menschen, die den Winter überstehen mussten, waren ängstlicher und mussten sich vorbereiten. In wärmeren Gegenden kann man schon einmal einen Tag auf den anderen überleben“, sagt der deutsche Angstforscher Borwin Bandelow, der übrigens weitaus radikaler argumentiert als Binder-Krieglstein.

Er findet, dass sich jeder die statistische (Un-)Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags vor Augen halten sollte. „Die Terroristen können nicht überall sein“, meint er. Auch müsse man lernen, „die Angst vor Massenveranstaltungen und in U-Bahnstationen auszuhalten“. Mit der Zeit verebbt sie wieder. Menschen passen sich an. In Israel, wo es regelmäßig zu Anschlägen kommt, sind die Menschen zum Beispiel schon weit mehr gewöhnt als in Österreich.

Manuela B. hilft das Wissen um Statistiken nichts, sagt sie. Zwar lachen manche ihrer Freunde, wenn sie sich weigert, zu Massenveranstaltungen zu gehen, aber sie findet ihre Entscheidung richtig. „Dieses Grummeln im Bauch, das lass ich lieber aus.“ Sie glaubt auch, dass ihre Entscheidung mit den Kindern zu tun hat. Ohne sie, sagt sie, würde sie auch nach Paris fliegen oder die U-Bahnen normal benützen. Mit den Buben eben nicht. „Ich will auch, dass sie selbstständig sind“, sagt sie. Und im Moment möchte sie, dass die Kinder einige der gewohnten Wege nicht allein gehen, also sucht sie Alternativen. „Ich fühle mich in meiner Entscheidung auch nicht eingeschränkt. Man stellt das Leben um, und dann ist es eh normal.“

Begrenzte Aufmerksamkeit. Oder man gewöhnt sich daran, dass etwas passieren kann. Die Wienerin Lisa Weber lebt seit drei Jahren in Paris. Sie war gerade in der U-Bahn, als sie von den Anschlägen erfuhr, rief Freunde in Deutschland an, um zu erfahren, was los sei, das Internet war komplett überlastet. Sie sah in den Wochen danach weniger Studenten an der Uni, an der sie unterrichtet, manche überreichten ihr einen Brief, dass die Eltern nicht wollten, dass sie quer durch die Stadt mit der U-Bahn reisten. Sie selbst musste eine Entscheidung treffen, wie sie mit den Anschlägen umgehen wollte. Und tat das, was die meisten Pariser auch taten. Weitermachen. Weber meidet keine Veranstaltungen, keine besonderen Plätze. „Ich lasse mir mein Paris oder mein Alltagsleben nicht vermiesen“, sagt sie.

Dennoch hat sie der Terroranschlag verändert. Sie sieht sich jetzt ihre Mitmenschen genauer an, achtet darauf, wer sich um sie herum in der U-Bahn befindet. Aber das, sagt sie, bringe sie mitunter mehr in Gefahr, als es sie schützt. Paris sei eine so hektische und große Stadt, „man kann gar nicht alle Menschen anschauen, die man trifft“. Während sie also auf das eine achtet, entgeht ihr etwas anderes. Wie zuletzt in der U-Bahn-Station. Als sie bei einem Schalter stand und plötzlich Panik bekam, weil der Mann hinter ihr zu nahe bei ihr stand. „Vor lauter Stress habe ich vergessen, meinen Zehner-Fahrschein wieder aus dem Automaten zu nehmen.“

Sie hält ihr neues Verhalten für viel gefährlicher, gerade weil der Pariser Verkehr so hektisch ist. „Während ich den Algerier an der Kreuzung beobachte, übersehe ich vielleicht das Auto, das mich überfahren kann.“