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Salzburg: Halleluja? Dazu fällt uns nicht mehr viel ein

Oratorium
(c) Andreas Kolarik (Kolarik Andreas)
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Die Festspiele brachten ein Oratorium über die Unmöglichkeit, heute noch Oratorien zu schreiben.

Péter Eötvös bekam den Auftrag, ein Oratorium für die „Ouverture spirituelle“ zu komponieren und bat Péter Esterházy um ein Libretto. Geistlich? Weltlich? Gleichviel, man besingt die Tatsache, dass es unmöglich ist, überhaupt noch Oratorien zu schreiben. Und bespricht sie: Peter Simonischek führt das große Wort – und hat dieses sogleich selbst zu ironisieren.

Arthur Honegger, dessen Dritte Symphonie heuer auch zu hören war, hat einmal gemeint, ein Komponist sei ein Mann, der sich nach Leibeskräften müht, etwas herzustellen, wofür dann kein Mensch Verwendung hat. Die Zeiten, da anmutige Serenaden für fürstliche Abendunterhaltungen oder Lobeshymnen auf den lieben Gott zum kultivierten Lebensstil gehörten, sind ja wahrlich vorbei. Auch Opernfreunde warten längst nicht mehr auf neue Stücke, sondern nur noch auf Anna Netrebko.

Ein Oratorium also? Zur Bestätigung kulturpolitischer Thesen über die Zukunftsträchtigkeit von Festspiel-Veranstaltungen? Dafür hatte Péter Esterházy, dafür hat Péter Eötvös zu viel Realitätssinn; und zu viel Humor. Wobei dem Publikum das zunächst trefflich beschworene Lachen im Halse stecken blieb, als nach bewusst fragmentarischen, stotternden („Oratorium balbulum“!) Beschwörungen einer sinnhafteren Kunst-Vergangenheit, Erinnerungen an Halleluja-Rufe von Händel und anderen Meistern, für die Gott noch mehr war als eine Arbeitshypothese, als nach willkürlich aneinandergereihten Betrachtungen über die Perspektivlosigkeit heutigen Singens und Sagens auch noch Nine Eleven als möglicher Libretto-Textbaustein ins Spiel kam.

 

Salz und Pfeffer zum Terrorakt?

Vielleicht gab es ja die Dame, die unmittelbar vor dem Anschlag auf den ersten der Twin-Towers in der Todesmaschine noch Tomatensaft bestellt hat? Die Frage des Stewards nach Salz und Pfeffer klingt länger nach als jedes Gotteslob!

Der ungarische Rundfunkchor absolviert dergleichen Herausforderungen durchwegs mit Schönklang, wie auch die Wiener Philharmoniker unter Daniel Harding Eötvös' grandios aufgefächerte Partitur realisieren, als wäre die eine Art Musterkatalog höchster Instrumentationskunst und orchestraler Klangkultur. Iris Vermillion leiht ihren herrlich tiefen Alt nachdenklichen Betrachtungen ebenso wie kabarettistischen Einwürfen; und Topi Lehtipuu stottert als mittelalterlicher Philosoph (Notker, der Stammler), um vor allem nachzuweisen, was passiert, wenn aus einem geistlichen Jubelruf ein Fall für die Logopädie zu werden droht: Bald bleibt von Ha-ha-halleluja nur noch das Ha-ha-ha.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2016)