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Salzburg: Zaubrisches Sprechen über Unaussprechliches

(c) Salzburger Festspiele / Franz Neumayr
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„Requiem für Ernst Jandl“ von Friederike Mayröcker berührte trotz des Showcharakters.

„Diesmal ist er zu weit gegangen“, sagt doppeldeutig der Freund: zu weit weg, zu weit in den Tod. Im Salzburger Republic war Montagabend „Requiem für Ernst Jandl“ von Friederike Mayröcker zu erleben, mit der Stimme der Autorin, mit Gesang (Dagmar Manzel), illustriert mit Musik (Lesch Schmidt). Hermann Beil besorgte die szenische Einrichtung. Die Aufführung war bereits im Wiener Akademietheater zu sehen.

Wenn Thomas Bernhards Werke sich am Streichquartett orientieren, an der so peinigenden wie komischen, immer aber virtuosen Wiederkehr des Gleichen, und Elfriede Jelinek eine frühe Rapperin ist, so erinnert Friederike Mayröckers Kunst an ein Mädchen, das Melodien improvisierend durch den Wald geht. Wie das Ende ihrer betörenden Feenmusik der Worte voller Naturmystik sein wird, weiß man oft am Anfang nicht. Und manchmal kommt statt eines Schlusses ein lakonisches usw. oder etc. Hier spricht Mayröcker über das, was die Sprache raubt: den Tod. 2000 starb ihr langjähriger Gefährte für Herz und Hand, Ernst Jandl.

Als Satyr mit der Nymphe könnte man die beiden sehen, er schrieb Bissig-Lautmalerisches über Ottos Mops und „Laut und Luise“. In seiner „Konkreten Poesie“ steckte immer auch eine gehörige Portion Politik, genauer gesagt Zorn über das So-Sein der Welt. Sie lässt lyrische Kaskaden aufrauschen, Wasserfälle, in denen es brodelt, aus denen Gischt aufsteigt und der Wasserdampf breitet sich über alles aus. „Ach, Sie sollen an einen Fluss“, spricht in dem schmalen Buch „Requiem“ eine Stimme am Telefon zu der Trauernden, „es würde ihren Schmerz mildern, indem das Wasser ihn hinwegnimmt.“

 

Verlorene Schlacht, leuchtende Codes

Aber die Leidende spürt nur das Reißen der Flut in ihrem Inneren. „Requiem“ ist eine Totenklage über die zuletzt erlebte gemeinsame Zeit, in der keiner der beiden wusste, wie rasch und plötzlich sie zu Ende sein würde; es geht um den Verlust all dessen, was dem Todgeweihten teuer war, Bücher und Worte, der körperliche Zustand wird schlechter, dann liegt die Leiche da. Und jetzt beginnt für ihn die Verwesung und für sie das Heimkommen, zu Schirmkappe, Brille und Schweizermesser, aber er ist nicht mehr da.

Mayröcker zeichnet in immer neuen Fragmenten wortgewaltig und gemächlich die Sprachlosigkeit. Ihre raue, nachdenkliche Stimme, der dunkle Ton kontrastieren zur teilweise fröhlichen, auch jazzigen Musik des Orchesters, zum Blues, der die durchaus passende Untermalung für das Unzumutbare ist. Man hört nur mit dem Herzen gut, könnte man in Abwandlung des bekannten Spruchs des „Kleinen Prinzen“ sagen.

Die meditative Stunde mit Erinnerungen und Geschichten aus einem langen gemeinsamen Leben ergreift. Aus einem Video blicken Jandl und Mayröcker in ihren verschiedenen Lebensstadien auf das Publikum herab, er immer ein bisschen kritisch, grimmig und undurchdringlich, sie wechselt von Heiterkeit zu forschender Melancholie. Und es gibt ein paar unerwartete Wendungen im Text, die wie geheime Codes kurz aufleuchten. Man reist mit dem Paar in die Geschichte und in die Kunstgeschichte, zur Schlacht bei den Thermopylen, die die Griechen gegen die Perser verloren, zu Francis Bacon und in die biblische Wüste – zur Reinigung, zum Fasten oder zum Verdursten.

„Requiem für Ernst Jandl“ ist ein Theatererlebnis der etwas anderen Art, bei dem der Zuschauer mit seinen Erinnerungen zum Akteur werden kann, wenn er will. Die liebevoll gestaltete, zuweilen etwas penetrante Show darf man dabei manchmal ruhig ausblenden. Viele Paare, die gar nicht wissen, wie sehr sie einander noch lieben, machen diese Erfahrung. Der Tod klärt sie auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2016)