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Netrebko: Wenn die Diva sich selbst inszeniert

SALZBURGER FESTSPIELE 2016: FOTOPROBE ´MANON LESCAUT´
Im entscheidenden Moment wendet sich die Netrebko um – und das Publikum hält den Atem an.(c) APA/MONIKA RITTERSHAUS
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Anna Netrebko machte die konzertante Aufführung von Puccinis „Manon Lescaut“ zum szenischen Ereignis: Diese Sängerin berührt, bewegt ihr Publikum. Ehemann Yusif Eyvazov konnte erstaunlich gut mithalten.

Spätestens seit der „Traviata“ vor mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt wartet das Salzburger Publikum jede Saison auf die Festspielproduktion mit Anna Netrebko. Heuer war die Enttäuschung groß, als es hieß, die Diva käme „nur“ für drei konzertante Aufführungen von Puccinis „Manon Lescaut“. Tatsächlich ist es bei dieser Künstlerin aber immer so, dass, wo sie in Erscheinung tritt, Musiktheater in seiner ganzen Bandbreite stattfindet, ob nun eine Neuinszenierung angekündigt ist oder ein Konzert. Kulissen braucht Anna Netrebko keine, um als Puccini-Heldin zu leben, leiden und zu sterben; manch einer fühlte sich vielleicht im Großen Festspielhaus an die „Bohème“ vor ein paar Jahren erinnert: Sie fand in scheußlich-modernistischem Ambiente statt, trotz Regie. „Manon Lescaut“ fand heuer statt – ohne Regie.

Oder genauer gesagt: in der Inszenierung von Anna Netrebko, die sich wie Hugo von Hofmannsthals Zerbinetta „in jeder Situation zurechtfindet“ und keiner Regisseursanweisungen bedarf, um in allen Bühnenlebenslagen glaubwürdig zu wirken.

 

Mit schwerer gewordener Stimme

Nicht einmal die Tatsache, dass sie die kostbaren Juwelen eines Festspielsponsors zu PR-Zwecken in jeder Szene trägt, als armes, lebenshungriges Mädchen ebenso wie als wohlsituierte Geliebte eines reichen alten Mannes und sogar als entrechtete, verstoßene und deportierte Betrügerin in der amerikanischen Wüste, kann die tiefen, wahrhaftigen Eindrücke minimieren, die sie in Gebärde und Stimme heraufbeschwört. Wo es an das Existenzielle geht, um Liebe, Leidenschaft, um helle Freude oder Todesangst – diese Frau bewegt, berührt. Kokettiert wird in den ersten Akten wie in einer lebhaft-komödiantischen Theateraufführung. Und wenn Puccini im Finale verlangt, dass die Verdurstende ohnmächtig wird, dann genügt es, wenn die Sängerin dem Publikum den Rücken zudreht. Im entscheidenden Moment wendet sie sich dann beinahe taumelnd um – und das Auditorium hält den Atem an. Den Rest an naturalistischem Theater besorgt in der Folge die Nuancierungsfähigkeit der Stimme.

Diese hat sich, man weiß es von den szenischen Aufführungen derselben Oper unter demselben agilen, (diesmal mit dem Münchner Rundfunkorchester) feinfühlig begleitenden Marco Armiliato in Wien, sehr ins Dramatische entwickelt. Sie ist dunkler, schwerer geworden, expressiver denn je in den tieferen Lagen, ohne aber an Strahlkraft in der Höhe einzubüßen. Folgerichtig hat die Netrebko Massenets Manon mit der von Puccini vertauscht.

Tenorale Partner, die es dieser Primadonna gleichtun können, sind rar. Für die Salzburger Produktion hat Anna Netrebko Yusif Eyvazov mitgebracht, der es auch schwerhat, da viele Kommentatoren ihm implizit vorwerfen, dass er Netrebkos Ehemann ist. Freilich ist das unfair. Tenöre mit ähnlicher Stentorqualität und Bombenhöhe, ohne diesen ganz speziellen Trauring, finden meist ungeteilten Beifall. Eyvazov ist jedenfalls beileibe nicht der Einzige, dem es an lyrischen Qualitäten gebricht, der vor allem mit großem Aplomb und hoher Expressivität punktet.

Letztere Eigenschaften besitzt er in reichem Maß – und kann damit die Duette mit seiner Manon packend mitgestalten, mögen insgesamt auch noch so viele Punkte zum Erreichen eines ähnlichen Grads musiktheatralischer Vollkommenheit fehlen, wie ihn Netrebko erreicht.

 

Zwei junge Tenöre lassen aufhorchen

Die Partner – vor allem Carlos Chausson als etwas blasser Geronte und Armando Pina als ebensolcher Lescaut – tun sich mit dem künstlerischen Abstand zu dieser Titelheldin noch viel schwerer. Doch gibt es an dem Abend keine wirklich schwachen Leistungen – und der Staatsopernchor versteht es, die viele Bewegung, die sonst bei diesem Stück in der Szene herrscht, in stimmliche Agilität umzumünzen. Nach der ersten Schrecksekunde vermisste man an diesem Abend nichts. Und konnte zwei Tenöre entdecken, die in kleineren Partien angenehm auffielen: Benjamin Bernheim als belcantesker Edmondo und Patrick Vogel als prägnanter Tanzmeister und Laternenanzünder.
Der Jubel am ersten Abend war laut, das Liebespaar erntete Ovationen.

Reprisen: 4 und 7. August.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2016)