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Das Kalkül von Syriens al-Qaida-Ableger

Extremisten gegen Assad: Kämpfer der jihadistischen al-Nusra-Front feiern, nachdem ein russischer Helikopter in Syrien abgeschossen worden ist.
Extremisten gegen Assad: Kämpfer der jihadistischen al-Nusra-Front feiern, nachdem ein russischer Helikopter in Syrien abgeschossen worden ist.(c) REUTERS
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Die al-Nusra-Front hat sich offiziell von al-Qaida getrennt. Dahinter steckt weniger Ideologie als Berechnung: Die Rebellen wollen sich aus der Schusslinie der US-Jets bringen.

Sie kämpfen derzeit an vorderster Front, um den eingekesselten Osten Aleppos wieder aus dem Griff der Assad-Armee zu befreien. Seit dem Wochenende liefern sich die Jihadisten von Jabhat al-Nusra Seite an Seite mit Rebellen von Ahrar al-Sham und der Freien Syrischen Armee am südlichen Stadtrand die schwersten Gefechte seit Jahren mit den Belagerern des Regimes: Die al-Nusra-Einheiten, die sich bisher zur al-Qaida gezählt haben, gelten als die Elitetruppen der Aufständischen. Vor ein paar Tagen jedoch sagte sich die Jihadistenorganisation offiziell von ihrem obersten Befehlshaber, Ayman al-Zawahiri, in Afghanistan los und benannte sich in Jabhat Fatah al-Sham (Befreiungsfront von Großsyrien) um. Mit diesem symbolischen Schachzug wollen die syrischen Gotteskrieger künftig mehr moderate Rebellen anlocken und sich selbst besser aus der Schusslinie der russischen und amerikanischen Kampfjets bringen.

Denn wie der sogenannte Islamische Staat (IS) ist auch Jabhat al-Nusra von dem international vereinbarten Waffenstillstandsabkommen ausgeschlossen. So verhandeln Moskau und Washington derzeit darüber, ihre Luftangriffe auf beide Organisationen zu intensivieren und künftig von Jordaniens Hauptstadt, Amman, aus zu koordinieren.

Die Umetikettierung jedoch ist vor allem taktischer Natur, zumal al-Nusra-Chef Abu Mohammed al-Jolani damit keinerlei ideologische Konzessionen verbunden hat. Seine auf 7000 bis 8000 Mann geschätzten Kämpfer sind ultrakonservative und harte Islamisten, die in Kampfkraft und Fanatismus ihren Jihadi-Rivalen vom Islamischen Staat wenig nachstehen. Sie verstehen sich als Mitglieder der globalen Bewegung des Jihadi-Salafismus. Die Zahl der ausländischen Kämpfer bei al-Nusra jedoch ist deutlich geringer als beim IS. Mehr als 70 Prozent sind Syrer, weil sich die Organisation bewusst den Anstrich einer nationalen Rebellenbewegung gibt.

 

„Islamisches Emirat“ als Fernziel

Ihr Kommandeur, Abu Mohammed al-Jolani, der an der Spitze eines zwölfköpfigen Führungsrats steht, ist zusammen mit seinen sechs Geschwistern in Damaskus aufgewachsen. Der Vater arbeitete zeitweise in der saudischen Ölindustrie, die Mutter als Geografielehrerin. Radikalisiert wurde der 35-Jährige im Jahr 2003 durch die US-Invasion im Irak, dort wurde er als Mitglied der Jihadistenmiliz al-Qaida im Irak (AQI) verhaftet und nach Syrien ausgeliefert. AQI war ein Vorläufer des heutigen IS.

Von 2005 an war er im berüchtigten Sednaya-Gefängnis nahe Damaskus eingesperrt. Zu Beginn der Proteste in Syrien kam al-Jolani zusammen mit Hunderten anderer Jihadisten durch eine Amnestie des Assad-Regimes frei, das auf diese Weise die Kämpfe zwischen moderaten und radikalen Rebellen anheizen wollte. Im Jänner 2012 gründete al-Jolani die al-Nusra-Front. Ein Jahr später kam es zum Bruch mit dem IS-Vorläufer Isis, der sich von der al-Qaida losgesagt hatte.

Wie der Islamische Staat wollen auch die al-Nusra-Jihadisten ein eigenes „Islamisches Emirat“ auf dem Boden eines Post-Assad-Syriens errichten – allerdings als langfristiges Ziel. Vor Ort propagieren sie ihre Schariapläne pragmatisch und dosiert, um die lokale Bevölkerung nicht gegen sich aufzubringen. Anfangs hielten die Kommandeure sogar ihre Bindung zur al-Qaida verborgen. Nach dem jetzt vollzogenen Bruch mit dem Bin-Laden-Terrornetzwerk will al-Nusra künftig noch enger mit Bewaffneten international akzeptierter Gruppen kooperieren.

„Wir hoffen, ein gemeinsames Kommando gründen zu können, das die Massen der Menschen in Syrien vereint, ihr Land befreit und ihrem Glauben den Sieg schenkt“, deklamierte al-Jolani in seinem kurzen Trennungsvideo, flankiert von zwei bärtigen Gesinnungsgenossen. Ihre stärkste Präsenz hat al-Nusra derzeit in der nordwestlichen Provinz Idlib sowie im Süden der Provinz Aleppo. Im Gegensatz zum Islamischen Staat gehen ihre Jihadisten vielerlei örtliche Allianzen ein und werden wegen ihrer Disziplin und Kampfkraft von moderateren Rebellenbrigaden als Verbündete geschätzt.

 

Mächtige Geldgeber

Die Finanzierung von al-Nusra ist undurchsichtig und schwer zu beziffern. Anders als beim Islamischen Staat hängen die Extremisten primär von äußeren Geldgebern ab, weil sie in ihren Gebieten kaum Steuern oder Wegezölle erheben. Seit vielen Jahren existieren lukrative Verbindungen zum türkischen Geheimdienst, aber auch zu privaten Spendern in Golfstaaten wie Kuwait und Katar. Eine weitere Einkommensquelle sind Entführungen. In der Regel zahlt Katar die millionenschweren Lösegelder, eine Praxis, hinter der westliche Ermittler verdeckte Finanzhilfe für die Jihadisten vermuten. Katar sei teilweise dafür verantwortlich, urteilte darum auch ein ungenannter nahöstlicher Diplomat im „Daily Telegraph“, „dass Jahbat al-Nusra Geld und Waffen hat – sowie alles, was sie braucht“.

Auf einen Blick

Die jihadistische al-Nusra-Front in Syrien hat sich vergangene Woche offiziell von Osama bin Ladens Terrornetzwerk al-Qaida getrennt und sich zudem umbenannt. Ihr neuer Name lautet Jabhat Fatah al-Sham – Befreiungsfront für Sham (Großsyrien), wie ihr Anführer, Abu Mohammed al-Jolani, in einer Videonachricht bekannt gab. Ziel sei die Bildung einer neuen Front gegen das Assad-Regime. Al-Nusra gehört in Syrien zu den stärksten Rebellengruppen. Stark ist sie vor allem in der Provinz Idlib. Obwohl ideologisch eng mit dem Islamischen Staat (IS) verwandt, sind die Gruppen miteinander verfeindet. Andere, gemäßigtere Rebellengruppen kooperieren mit al-Nusra.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2016)