Der republikanische Kandidat verstört mit Attacken gegen die Eltern eines im Irak gefallenen moslemischen US-Soldaten die eigene Partei – und bringt Kongressabgeordnete, die im November zur Wiederwahl antreten, in einen unangenehmen Zwiespalt.
Washington. Drei Monate vor den US-Wahlen hat sich Donald Trump mit einer neuen Gesellschaftsschicht angelegt: den Veteranen der US-Streitkräfte. Am vergangenen Donnerstag hatte Khizr Khan, der Vater eines 2004 im Irak bei einem Selbstmordanschlag getöteten Hauptmanns der Armee, auf dem Parteitag der Demokraten Trump wegen dessen islamfeindlicher Aussagen kritisiert. „Ginge es nach Donald Trump, wäre mein Sohn nie in Amerika gewesen. Ich frage Sie: Haben Sie die Verfassung gelesen?“, richtete sich der in den Siebzigerjahren aus Pakistan in die USA ausgewanderte Rechtsanwalt Khan rhetorisch an Trump und zog ein Büchlein aus seiner Sakkotasche. „Ich borge Ihnen gern mein Exemplar. Sie haben nichts und niemanden geopfert. Waren Sie schon einmal auf dem Friedhof in Arlington, bei den Gräbern all der Helden?“
Damit hatte er Trump offenkundig an einem wunden Punkt getroffen. Trump wird nicht müde, seine Bewunderung für die Veteranen zu bekunden. Doch vom Vater eines moslemischen Offiziers kritisiert zu werden, der sich auf einen Selbstmordattentäter gestürzt und somit seine Kameraden gerettet hatte: Das ist für ihn zu viel. Trump begab sich in Fernsehinterviews und via Twitter in einen Krieg der Worte mit den Khans, der ihm mit jeder neuen Meldung neue Kritiker brachte.
„Er weiß nicht, was Opfer bedeutet“
Zunächst unterstellte Trump Khan, er habe seiner Gattin, Ghazala, die während der kurzen Rede in Philadelphia stumm neben ihm gestanden hatte, zu sprechen verboten. Frau Khan gab daraufhin ein Interview, in dem sie erklärte, ihr hätten aus Trauer über den Tod ihres Sohnes die Worte gefehlt. In einem Gastkommentar für die „Washington Post“ schrieb sie: „Donald Trump sagt, dass er viele Opfer erbracht hat. Er weiß nicht, was das Wort Opfer bedeutet.“
Statt den Khans seine Anteilnahme zu bekunden und die Sache auf sich beruhen zu lassen, legte Trump nach. „Während es wahrscheinlich überall radikale Moslems gibt, erlauben wir Tausenden und Tausenden, ins Land zu kommen. Und ich denke, dass das Herrn Khan mehr als alles andere irritiert hat“, sagte er am Montag. Ob Trump ihm mit diesen Worten unterstellt, selbst ein radikaler Moslem zu sein, oder andersherum seinen Vorschlag eines Einreiseverbots für Moslems zu unterstützen, ist unklar.
Offenkundig ist hingegen, dass Trump sich mit seinen Angriffen auf die Khans in der eigenen Partei noch unbeliebter gemacht hat, als er es bereits war. Zwar unterstützen rund zwei Drittel der Teilnehmer an den republikanischen Vorwahlen, aus denen er siegreich hervorging, ein Einreiseverbot für Moslems. Doch die 13,3 Millionen Trump-Wähler machen nur etwas weniger als sechs Prozent der Wahlberechtigten aus. Für jene republikanischen Kongressabgeordneten, die sich zeitgleich mit der Präsidentenwahl am 8. November um die Erneuerung ihrer Mandate bemühen, stellt sich vor allem in gesellschaftlich und politisch durchmischten Teilstaaten die Frage, ob sie sich aus Angst vor einem negativen Trump-Effekt von ihrem Kandidaten distanzieren oder ihn unterstützen sollen, um seine Anhänger nicht zu verlieren.
Dieser Zwiespalt wird für diese Politiker mit jeder neuen Fehde unangenehmer, die Trump vom Zaun bricht. Und so ringen sie sich zu wortreich gewundenen Distanzierungen von Trumps Aussagen durch, ohne aber seine Kandidatur ums Weiße Haus infrage zu stellen. „Unsere Partei hat ihm die Nominierung verliehen, aber die ist nicht mit einer unbeschränkten Erlaubnis verknüpft, jene zu beleidigen, die die Besten unter uns sind“, las sich beispielsweise eine schriftliche Erklärung von Senator John McCain aus Arizona, der während des Vietnam-Kriegs in Gefangenschaft schwer gefoltert worden war.
Trump punktet mit seiner Forderung nach Recht und Ordnung zwar bei vielen Veteranen und Angehörigen der Streitkräfte. Mit seinem Angriff auf die Khans könnte er aber bei manchen von ihnen den Bogen überspannt haben. Die Vereinigung Veterans of Foreign Wars kritisierte ihn jedenfalls scharf. „Ob Wahljahr oder nicht, die VFW wird niemanden tolerieren, der ein Mitglied einer Gold-Star-Familie dafür beschimpft, sein oder ihr Recht auf Meinungsfreiheit zu gebrauchen“, sagte VFW-Vorsitzender Brian Duffy.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2016)