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Vom Schwel- zum Flächenbrand

(c) EPA (Matthew Cavanaugh)
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Mehr noch als die Lehman-Pleite haben die Unsicherheiten um das danach geschnürte Hilfspaket der Finanzwirtschaft zugesetzt, meint ein US-Ökonom.

WIEN (mip). John B. Taylor, neukeynesianischer Volkswirt an der kalifornischen Stanford University, ist einer der prominentesten Verfechter der These, dass die eigentliche Ausweitung der Finanzkrise von einem Schwel- zu einem Flächenbrand nicht schon mit der Lehman-Pleite am 14. September, sondern erst zehn Tage später eingesetzt hat.

Dazu zieht Taylor einen Indikator heran, der den „Stress“ der Kreditwirtschaft zeigt (indem er vom Zinssatz, den Banken untereinander verrechnen, den Indikator für die erwartete Leitzinsentwicklung abzieht und solcherart ein Maß für die von Zinserwartungen unabhängige Risikoeinschätzung der Banken erhält). Dieser Stress- oder Angstwert, der in normalen Zeiten nur rund 0,1 Prozentpunkte ausmacht, lag seit August 2007 bei 0,8 Prozentpunkten.

Nachdem US-Finanzminister Paulson und Notenbankchef Bernanke das Todesurteil über Lehman fällten, kletterte er auf 1,3 Prozentpunkte, ließ aber in den nächsten Tagen wieder etwas nach. Doch dann brauten Paulson und Bernanke das große Hilfsprogramm für Not leidende Wertpapiere zusammen. Am Dienstag, dem 23. September traten sie vor das Banking Committee des Senats, präsentierten das undurchsichtige 700-Milliarden-Dollar-Hilfspaket und legten einen dürftigen Zweieinhalb-Seiten-Gesetzesvorschlag vor, der so gut wie keine Kontrollen vorsah.

Die Reaktion vieler Senatoren, aber auch von Teilen der Bevölkerung war eher negativ, obwohl Paulson warnte: Wenn das Paket abgelehnt würde, „gibt es am Montag keine Wirtschaft mehr“. Jetzt erst beginnt der Wert des genannten „Stress“-Indexes wie wild zu klettern – auf 3,5 Prozentpunkte.

Taylor meint, dass die Dimension des Pakets und die Rhetorik die Alarmstimmung verstärkt haben und dass durch das ungeschickte Agieren „ein hohes Ausmaß an Unsicherheit, was die Regierung wirklich und unter welchen Umständen für die Finanzinstitute tun würde“, enthüllt wurde.

Mehr noch als der Schock über die Aufgabe der Lehman-Bank habe diese Verunsicherung die Finanzwelt in jene Agonie versetzt, aus der sie nicht wieder herausgekommen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2009)