Irdisch, außerirdisch, innen, außen: „Sturm“!

SALZBURGER FESTSPIELE 2016: FOTOPROBE ´DER STURM´
SALZBURGER FESTSPIELE 2016: FOTOPROBE ´DER STURM´(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Deborah Warner inszeniert auf der Perner-Insel Shakespeare mit vielen klugen Einfällen. Die Videos sind toll. Doch fehlt es an der Schauspielerführung. Peter Simonischek erfreut als gemütvoller Prospero.

Wogen rollen unter dunklem Himmel. Der Besucher betrachtet das Meer von unten, aus der Perspektive von Ertrinkenden. Deborah Warner hat Shakespeares „Sturm“ auf der Perner-Insel aber nicht als Flüchtlingsdrama erzählt. Das Thema klingt nur an, wenn am Strand Menschen mit Schwimmwesten herumirren. „Der Sturm“ wurde zuletzt oft gespielt, auch in Hallein, wo Irina Brook das Werk in eine Pizzeria verlegte: Lustig. Irinas Vater, Peter Brook, zeigte seine traumhafte „Sturm“-Variante bei den Wiener Festwochen. Gert Voss spielte Prospero im Burgtheater – und im Akademietheater war eine gestrippte Version des Stückes zu sehen: „Der Sturm“ als Fantasie von Prospero, Caliban und Ariel.

Bereits zum vierten Mal inszeniert Warner das Werk. Hans-Michael Rehberg musste den Prospero absagen, eine interessante Möglichkeit wäre Jens Harzer gewesen – aber der spielt den Caliban. Peter Simonischek sprang ein – und erntete bei der Premiere am Dienstagabend Standing Ovations, wie auch die Aufführung als Ganzes. Prospero ist ein Weltenbeherrscher, ein Zauberer, doch seine Macht beruht hier auf der Hilfe des versklavten Ariel. Simonischek fehlt das Abgründige, Aasige Rehbergs. Er ist mehr ein gemütvoller Hausvater und besorgter Alleinerzieher einer Tochter. Um seinen Zaubertrick, sein Kind ruckzuck in Schlaf zu versetzen, würden ihn manche Eltern beneiden. Prospero hatte keine Lust auf die Macht, er wollte lieber Bücher studieren. Das glaubt man diesem Mann in labbrigem T-Shirt, Jogginghosen, mit zerrauftem weißen Haar, der sich, wenn er hext, eine Plastikplane überwirft.

Royals mit Format haben Zukunft

Die Läuterung beherrscht Simonischek, der beliebteste aller Jedermänner, bestens. Er wütet mit Herz, freut sich über das junge Paar und vergibt am Schluss seinen Feinden. Thronräuber Antonio (Daniel Friedrich überzeugt als eiskalter Stratege) nähert sich seinem Bruder Prospero zwar kurz mit einer Demutsgeste, aber sehr ernst ist das kaum gemeint, der vom Volk geliebte ehemalige Herrscher von Mailand bekommt ein repräsentatives Amt. Altbundespräsident?

Simonischek erfreut auf die ihm eigene gewinnende Weise, wirklich erfinderisch ist Warners Inszenierung. Sie zeigt das Politische: Aus der Heiratsdiplomatie ergibt sich eine lukrative Handelsachse von Tunis über Neapel bis Mailand. Kein Sex vor der Ehe, verordnet Prospero dem jungen Paar, Ferdinand und Miranda. Wenn die zwei sich der guten alten Ordnung beugen, winken Glamour und ein kleines Weltreich: Prospero zeigt den Verliebten ihre Zukunft in einem Minitheater. Die Bildsequenzen erinnern an Prinz William und Herzogin Kate. In den zwölf Jahren, die Prospero auf der Insel hauste, hat er viel zerstört: Der Morast, in den Ferdinand stürzt, könnte ein Sumpf sein, aber was hat es mit kontaminiertem Staub auf sich, den Bauplatten, dem Müll? Ureinwohner Caliban springt nackt auf die Bühne, er trägt Wunden wie Christus und hüllt sich in Lumpen wie ein Obdachloser. Das Selbstbewusstsein des edlen Wilden hat er verloren, er leckt jeden Stiefel, betet jeden Herren an, der bessere Behandlung verspricht als der vorherige. Caliban ist aus seiner Existenz gekippt. Wird er als Gelegenheitsarbeiter am Hafen verrecken? Ariel ist stumm, er beherrscht Joga, ein kraftvoller Kerl mit übersinnlichen Kräften, der seine „Mindpower“ aber nicht sich selbst, sondern Prospero widmen muss – und die Stimme der Eroberer ist es auch, die aus ihm dringt. Übersinnlich ist hier manches.

Formeln flimmern über die Leinwand, Sterndeuter, Seefahrer, aber auch die Schiffstechnik leben von Mathematik und der „Magie“ der Zahlen. Das Schiff mit Prosperos Feinden ist in ein Funkloch geraten, man sieht Flimmern – und einen hellen Strich, man denkt an das Bermudadreieck und die Geschichten von dort verschwundenen Schiffen und Flugzeugen. Vielleicht sind bei all diesen kuriosen Vorgängen auf der Insel auch Außerirdische im Spiel, an ihr mögliches Eingreifen kla mmern sich ja nicht wenige jetzt, in diesen unruhigen Zeiten.

Zu viel Übertreibung und Gebrüll

Das Wetter spielt verrückt: Es donnert, wird finster bei Tag und hell bei Nacht, und aus einer kleinen Wolke stürzt eine Wasserflut herab. Das Bühnenbild ist grandios, ebenso die Lichtregie, die Musik und das Video vom meisterlichen Duo Fettfilm. Die Schauspielerführung wirkt allerdings weniger gelungen als die Optik. Der Drang, die Mimen mit Mikroports auszustatten, auch um mehr Publikum in Theatern unterzubringen bzw. dafür zu sorgen, dass auch Besucher hinten gut hören, führt zu undifferenzierter Lautstärke. Vorn herrscht Gebrüll, auch hier.

Viel von der zarten Poesie in Shakespeares vielleicht letztem Werk, das wahrscheinlich auch sein Vermächtnis ist – nach dem Motto „Verzeihe mit Witz, statt zu zwingen und zu überwältigen“ – geht unter.

Sara Tamburini als koboldhafte Miranda gefällt, Maximilian Pulst als Ferdinand übertreibt und hüpft wie ein Känguru über die Bühne, um die ihm von Prospero aufgetragenen Arbeiten auszuführen. Dickie Beau als Ariel begeistert auch ohne Stimme, diese leihen ihm Fiona Shaw in wunderbarem Englisch, Angela Winkler und eben sein Herr, Prospero. Jens Harzer verzichtet als Caliban naturgemäß auf jedes Knallchargen-Getue. Umso mehr davon müssen Matthias Bundschuh als Trinculo und Matthias Redlhammer als Stephano, die Shakespeare-Rüpel, zeigen. Branko Samarovski wirkt zu freundlich als König von Neapel. Charles Brauer ist die passend treuherzige Besetzung für den alten Gonzalo. Insgesamt: Eine spannende, aber nicht rundum gelungene Aufführung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2016)

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