„Lights Out“: Die Panik, wenn das Licht ausgeht

Lights Out
Lights Out(c) Warner
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David F. Sandberg spricht in „Lights Out“ eine unserer Urängste an. Sein Schattenwesen, das nur im Dunkeln näherkommt, hat mehr Charakter als manches Ungeheuer.

Kaum eine Urangst ist so tief im Unbewussten verankert wie die Angst vor der Dunkelheit. Evolutionsbiologisch betrachtet förderte sie erhöhte Aufmerksamkeit, um die Überlebenschancen zu erhöhen: Im Dunkeln sah der Steinzeitmensch den Säbelzahntiger nicht kommen und musste besonders achtsam sein. Obwohl fast alle prähistorischen Gefahren gebannt sind, lässt sich die Grundnervosität, die Finsternis in den meisten von uns weckt, nicht abschütteln. Das Horrorkino hat diese instinktive Furcht schon immer für seine Zwecke zu nutzen gewusst. Als Genrekenner ist man regelrecht konditioniert: Sobald das Leinwandlicht gedimmt wird und trügerische Stille den Saal erfüllt, wappnet man sich insgeheim schon gegen eine saftige Schockattacke.

Wer dieses System beherrscht, braucht keine drei Minuten, um Zuschauer in Panik zu versetzen. Der schwedische Regisseur David F. Sandberg bastelt zusammen mit seiner Frau, Lotta Losten, schon seit Jahren an fiesen kleinen Kurzfilm-Schockeffektmaschinen, die mit minimalen Mitteln maximales Entsetzen hervorrufen. Eine davon hat sich als besonders effektiv erwiesen: In „Lights Out“ (2013) wird eine Frau von einer Gestalt heimgesucht, die sich nur im Dunkeln materialisiert. Immer wenn das Licht abgedreht wird, kommt die ominöse Silhouette näher. Klick. Klick. Schreck! Klick. Klick. Schreck! Das simple, aber präzise getaktete Wirkungsprinzip passt ideal zur Aufmerksamkeitsökonomie des Internetzeitalters – kein Wunder, dass „Lights Out“ schnell zum Hit im Netz avancierte. Bald rief der Erfolg Hollywoods Horrorguru James Wan („Insidious“) auf den Plan, der Sandberg anbot, sein Talent für Terrortiming im Großformat zu erproben. Nun startet die Langfilmfassung von „Lights Out“ in den heimischen Kinos – und funktioniert trotz dünnen Konzepts erstaunlich gut.

Aus den Albträumen der Kindheit

Besonders überraschend ist, dass Sandbergs Upgrade seiner Miniatur im Unterschied zu anderen „funktionellen“ Kleinbudget-Horrorfilmen à la „Paranormal Activity“ nicht komplett auf Handlung und Figuren pfeift, sondern versucht, an psychologisch grundierte Genrebeiträge der letzten Jahre („Oculus“, „The Babadook“) anzuschließen. Das selbstbewusste Gruftie-Girl Rebecca (Teresa Palmer) ist von zu Hause ausgezogen, weil sie die depressiven Zustände ihrer Mutter, Sophie (super: Maria Bello), nicht mehr aushielt. Ihr kleiner Bruder blieb zurück und klagt nun, dass es schlimmer wird: Seit dem mysteriösen Tod des Stiefvaters nimmt Mama ihre Medikamente nicht mehr und spricht im Finstern mit einer imaginären Freundin namens Diana. An die erinnert sich Rebecca noch aus den Albträumen ihrer Kindheit: Ein hageres Schattenwesen, das Kraft schöpft aus den schwarzen Löchern in Sophies Seele und es auf alle abgesehen hat, die Licht ins Dunkel bringen könnten.

Obwohl Diana fast den ganzen Film über eine vage, schemenhafte Projektionsfläche bleibt, hat sie mehr Charakter als so manches Reißbrettungeheuer: Das ehemalige Stunt-Double Alicia Vela-Bailey verleiht ihren Bewegungen etwas ungemütlich Spinnenhaftes, und ihre körperlose Stimme steigert den Eindruck von Orientierungslosigkeit während der Suspense-Szenen. Diese laufen zwar meist nach ähnlichem Muster ab – eine Lampe gibt den Geist auf, der Schrecken nimmt seinen Lauf –, aber die Filmemacher sind darum bemüht, das Grundmotiv zu variieren. Besonders gut klappt das gegen Ende, als die Protagonisten beginnen, sich gegen den Spuk zur Wehr zu setzen. Fahrzeugbeleuchtung wird zum Rettungsanker, später geht Rebecca mit UV-Strahler und Taschenlampe auf Geisterjagd. Und selbst wenn einem das überkandidelte Finale etwas überzogen vorkommt: Nach „Lights Out“ wird man auf alle Fälle wieder etwas länger innehalten, bevor man in der Nacht das Licht ausmacht. Klick.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2016)

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