Balztanz, Begierde und Sargtischlerei

ImPulsTanz -  „Speak low if you speak love . . .“
ImPulsTanz - „Speak low if you speak love . . .“(c) Danny Willems
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Wim Vandekeybus verwandelt das Volkstheater mit „Speak low if you speak love . . .“ in einen emotionalen Hexenkessel: Laut, wild, fröhlich und brutal geht es zu, wenn Ultima Vez die Liebe erforschen.

Leise geht es Wim Vandekeybus auch dann nicht an, wenn er von der Liebe erzählt – besser gesagt: von den hormonell gesteuerten Höhen und Abgründen, in die es Mann und Frau, teils unvermittelt, schleudern kann. Er brüllt diese Zustände raus, drischt sie einem rein. Er macht sich über die Lust lustig, nimmt die seelischen Nöte dann aber wieder todernst (wer sich nicht beherrschen kann, wird von den anderen kurzerhand in einen wie ein Ikea-Möbel flott zusammengesteckten Sarg verfrachtet).

Und er stellt die Fratze zur Schau, die das Zwischenmenschliche entstellt, wenn es nicht um Liebe und Respekt, sondern um Egoismus oder – noch schlimmer – das Ausleben von Macht geht. In „Speak low if you speak love . . .“ kommt die Liebe nicht mit rosa Zuckerguss daher; bestenfalls ist die meist bittere Pille etwas dragiert – beißt man drauf, quillt alles heraus.

Aber wie! Die Tänzer von Vandekeybus' Company Ultima Vez (diesmal verstärkt durch einige klassisch ausgebildete Balletttänzer) lassen die Urgewalt der Gefühle horizontal und vertikal geradezu aus ihren Körpern schießen, sie fliegen quer durch die Luft, springen einander auf Hüften oder Schultern, sie drücken den anderen mit dem Fuß zu Boden oder werfen einander fast vom Bühnenrand auf das immer wieder leicht zusammenzuckende Publikum in der ersten Reihe. Gleich zu Beginn macht einem Vandekeybus nichts vor: Flirrende Klänge, eine nebelverhangene Bühne und ein verschleierter Typ, der ein Seil in den Händen wiegt, als würde er nach der passenden Frau suchen, der er diese Schlinge um die Taille oder aber den Hals werfen kann, lassen erahnen, wie nah einander Lust und Leid kommen werden. Wie eine Voodoo-Priesterin wirkt die südafrikanische Sängerin Tutu Puoane: Immer wieder führt sie Gestalten auf die Bühne, deren Köpfe mit einem Tuch verbunden sind – Geiseln? Sklaven? Gefangene? Bedrohlich flüstert sie ihnen Unverständliches ins Ohr, scheint Befehle auszugeben, die gehorsam, ja begierig befolgt werden. Die Erniedrigten erhöhen sich, indem sie andere erniedrigen.

Immer wieder aber kippt die Atmosphäre. Ein koketter Tanz artet in Vergewaltigungsfantasien aus. Männer brüllen wie Wikinger beim Angriff, in sanften Momenten umschwirren sie die Frauen wie vom Licht angelockte Motten, dann wieder spreizen sie Arme und Finger zu einem grotesken und für den Nebenbuhler bedrohlichen Balztanz. Die eben noch an den Köpfen verschnürten und gedemütigten Tänzer schälen sich aus den Tüchern, schlüpfen in rote Kleider und vollführen einen ausgelassenen Stepptanz, trommeln mit beeindruckendem Rhythmusgefühl auf den Boden. Alles ist laut, wild, fröhlich, brutal – wobei die Frauen genauso wenig zimperlich sind wie die Männer.

Seelenvoll, düster: Pawlowskis Gitarre

Vandekeybus verwandelt die Bühne in einen emotionalen Hexenkessel – und Mauro Pawlowski spielt dazu auf seiner Gitarre. Seelenvoll, mitreißend, aber auch düster. Mit seinem Zylinder und der Schlaghose wirkt er wie aus der Zeit gefallen. Gemeinsam mit Elio Blijweert und Jeroen Stevens hat er die Musik zu diesem Stück komponiert und verstärkt die Momente der Freude und der Angst, der Lust und des Vergnügens. Spät stimmt Puoane den Song „Speak low when you speak love“ an – leise klingt ihre Stimme aus dem Do-it-yourself-Sarg, in den sie freiwillig geklettert ist. Die gut gemeinte Aufforderung verpufft ohnehin ungehört.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2016)

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