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Finanzkollaps: Ein Jahr Krise und fast nichts gelernt

Die Krise?
(c) AP (J.Pat Carter)
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Ein Jahr nach der Lehman-Pleite sind die Ursachen der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren noch immer nicht beseitigt. Fest steht: Die Katastrophe hat sich schon seit Jahren aufgebaut.

Anfang September 2008, die Weltfinanzkrise war gerade ein Jahr alt geworden, begann sich die Lage für die Investmentbank Lehman Brothers – einer der „Big Five“ der Wall Street – bedrohlich zuzuspitzen: Die Bank war knapp vor der Veröffentlichung eines riesigen Quartalsverlusts de facto pleite, Gespräche über die rettende Übernahme durch Konkurrenten liefen nicht so gut, die Anwälte bereiteten vorsichtshalber parallel bereits den Konkursantrag vor – der nach dem Platzen aller Hoffnungen schließlich am Montag, den 15.September eingebracht werden musste.

Der Rest ist Geschichte: Banken liehen einander aus Misstrauen kein Geld mehr, die globale Finanzwirtschaft kam ruckartig zum Stillstand, die Welt stand tagelang am Rand des totalen wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Staaten und Zentralbanken versuchten hektisch, das Schlimmste zu verhindern. Billionen an Dollars und Euros wurden in das Finanzsystem gepumpt. Milliarden für Konjunkturprogramme ausgegeben, Banken und ganze Staaten wurden vor dem Bankrott gerettet.

Genützt hat die größte Rettungsaktion der Geschichte bisher noch wenig: Der Infarkt hat zwar nicht zum Exitus geführt, aber der Patient Weltwirtschaft liegt noch immer auf der Intensivstation. Ein bisschen stabilisiert zwar, und erste Lebenszeichen werden begeistert aufgenommen. Aber noch ist unklar, ob die Nebenwirkungen des üppig verabreichten Medikaments „Geldinfusion“ nicht neue Bedrohungsszenarien in Form einer Megainflation hervorrufen könnten.

 

Erste Vorboten schon 2003

Und der Patient selbst ist auch schon wieder übermütiger geworden, als dem Genesungsprozess guttut: Banken operieren schon wieder, als hätte es die Krise nie gegeben. Und die vollmundigen Ansagen der Politik über eine globale Finanzarchitektur, die solches künftig verhindern sollen, sind bisher über Sprechblasen nicht hinausgekommen.

Nicht einmal die Ursachen der schweren Wirtschaftskrise werden ernsthaft diskutiert: Zwar gilt das Platzen der US-Immobilienblase ebenso als einer der Auslöser wie die zu sehr gelockerte Geldpolitik der amerikanischen Notenbank und die unkontrollierte „Verbriefung“ von Kreditrisken durch die Banken, aber aufgebaut hat sich die Krise schon lange vorher.

Ein Indiz: Laut „Financial Times Deutschland“ haben sich deutsche Regierungsspitzen (Kanzler Schröder und Finanzminister Eichel) mit den Vorstandsvorsitzenden der größten deutschen Banken schon 2003 (!) zu einer Krisensitzung getroffen. Thema: ein 100 Milliarden Euro schwerer Rettungsplan für die schwer in Schieflage geratenen deutschen Großinstitute. Besonders für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate.

Die Geheimsitzung endete allerdings ohne Ergebnis. Fazit: 2009 waren mehr als 100 Milliarden nötig, um allein die HRE zu retten, das gesamte Rettungspaket für die deutschen Banken umfasst – vorerst – 550 Milliarden.

Wie geht es jetzt weiter? Die Banken haben weltweit noch jede Menge „fauler“ Wertpapiere in ihren Beständen, die sie wegen laxer Bilanzierungsregeln aber nicht offenlegen müssen. Zudem droht ab dem kommenden Herbst eine weitere Welle von Kreditausfällen. Beides macht es sehr wahrscheinlich, dass es noch einmal zu einer größeren „Bankenrettungsrunde“ mit Staatsgeldern kommen wird.

Das wird die ohnehin schon dramatisch explodierten Staatsschulden in astronomische Höhen treiben. Der Stabilitätspakt der Euroländer beispielsweise ist (zumindest, was die mit 60 Prozent des BIP begrenzten Staatsschulden betrifft) wahrscheinlich für mehrere Jahrzehnte tot.

Nach dem Gelingen der ersten Rettungsaktion machen sich jetzt Notenbanken und Finanzminister Gedanken, wie sie die Billionen an zusätzlich generiertem Geld wieder aus dem Kreislauf bekommen können, ohne den Wiederaufschwung zu stark abzubremsen. Gelingt das nicht, droht eine gewaltige Inflationswelle. Eine weitere unangenehme Folge der Krise: Der Einfluss der Staaten auf die Wirtschaft hat stark zugenommen – und wird wohl noch eine Weile groß bleiben. Dazu gibt es vorläufig keine Alternative: Ohne Staaten als „lender of last resort“ wäre die „Kernschmelze“ der Weltwirtschaft bereits passiert.

Dabei sind die Staaten an der Krise mitschuldig: Bei der jüngsten G20-Tagung in Jackson Hole ist (öffentlich wenig beachtet) eine Studie der beiden amerikanischen Wissenschaftler Pablo Kurlat und Ricardo Caballero diskutiert worden, in der der Krise vor allem drei Ursachen zugeschoben werden: die zu komplex gewordene Struktur des Finanzsystems, die viel zu hohe Risikoübernahme durch die Banken – und die ursprünglich falsche Reaktion der Politik. Ohne diese drei Punkte wäre die Subprime-krise ein regionales amerikanisches Problem geblieben, meinten die Wissenschaftler.

 

Zu spät reagiert

Erst nach der Lehman-Pleite, als der Zusammenbruch der gesamten Weltwirtschaft unmittelbar vor der Tür stand, hätte die Politik ausreichend reagiert, meinen die beiden am Massachusetts Institute of Technology arbeitenden Wissenschaftler.

Ob die Regierungschefs der größten Industrie- und Schwellenländer die ihnen präsentierten Erkenntnisse ausreichend ernst genommen haben, ist nicht überliefert. Es sieht aber eher noch nicht danach aus: Beim nächsten G20-Gipfel im September werden die teilweise unverschämten Bonuszahlungen an (speziell amerikanische) Banker im Mittelpunkt stehen. Auch ein Problem, aber derzeit wahrscheinlich nicht das drängendste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2009)