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Dabeisein ist alles: Die Illusion eines Sportfestes

APA/AFP/YASUYOSHI CHIBA
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Das Internationale Olympische Komitee ist auch in Rio de Janeiro wieder der größte Gewinner und verdient Milliarden. Und Wien will Winterspiele?

Es ist keine Partei, keine Armee, sondern eine gut geschmierte Geldmaschine. Es ist ein Verein mit Sitz im steuerfreundlichen Lausanne, der sein Logo mit fünf Ringen schmückt und seine Spiele teuer verkauft – das Internationale Olympische Komitee. Das IOC gilt im Sport als höchste Bastion, und Olympia-Gold ist auch das Höchste, das Athleten gewinnen können. Wenngleich stets heuchlerisch mit Begriffen wie Moral, Ethik und Fair Play um sich geworfen wird oder Sieger ihren erfüllten Traum ausloben, dreht es sich bei dieser Show immer nur um Geld. Für den Veranstalter, Werbepartner, TV-Sender und den Olympioniken, der fortan alles daransetzen wird, damit sein Gold zu Geld wird.

Was sich der Pädagoge und IOC- Gründer Pierre de Coubertin 1894 wohl gedacht hat, was aus seiner Idee der völkerverbindenden Spiele denn eines Tages werden würde? Vor allem, wer dieses zu einem Kommerzspektakel ausgewachsene Sportfest lenken würde: Zu viele Funktionäre passen nicht zur olympischen Idee – vorsichtig ausgedrückt.

Sport und Gesundheit werden plakativ als zukunftsweisende Triebfeder, als einzige Antwort auf die kollektive Gesundheitsprobleme oder zur Rettung unserer Kinder beworben. Die eigentliche Intention dient aber nur noch dem Vorteil der Industrie. Das IOC verdient Milliarden mit TV- und Marketingverträgen, es verbuchte in der Geschäftsperiode von 2013 bis 2016 Erlöse über 5,5 Milliarden Euro. Die TV-Rechte allein liefern 4,1 Milliarden, diese Summen sind sogar online – transparent – abrufbar.

Und dennoch, selbst diese Goldgrube scheint irgendwann ausgeräumt. Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen finanziellem Einsatz und Output. Kandidaten springen nicht mehr freiwillig auf oder stehen Schlange, wenn Winter- oder Sommerspiele zu vergeben sind. Im Gegenteil: Städte und demokratische Länder schieben munter Volksbefragungen vor, um nicht offen zugeben zu müssen, dass sie sich Ausgaben von zehn oder noch mehr Milliarden weder leisten können noch den kompletten Tross dieses „Wanderzirkus“ beherbergen, bewirtschaften oder mit eigens gesperrten Spuren zu sündhaft teuren, nach dem Event aber nicht mehr benötigten Hallen befördern wollen. Auch wird die Argumentation gegenüber dem Steuerzahler, der dann freilich ungefragt die Rechnung zu begleichen hätte, zusehends heikler, also schwieriger. Es gibt ohnehin allerorts genug andere Baustellen, die von der Politik zu bespielen sind.

In Diktaturen, autoritären Regimen oder Ölparadiesen sind Sportveranstaltungen aller Art hingegen weiter herzlich willkommen. Ob Formel 1, irgendeine WM oder eben Olympia – der Preis spielt da keine Rolle. Selbst die Methode, wie denn der Zuschlag trotz klimatischer oder geografischer Unzulänglichkeiten gelungen ist, muss nicht gesondert betont werden. Es gibt kein Fußballmärchen oder Wunderspiele – die gab es nie.


Die naive und dennoch einzig hoffnungsfrohe Botschaft wird man dieser Tage aus Rio oft hören: das friedliche Miteinander in fairen Wettkämpfen. Man wähnt sich in einer heilen Welt; und das Bewahren dieser Illusion hat einen bestimmten Sinn. Während bei den ersten Sommerspielen in Südamerika in 306 Bewerben die Sieger erst zu ermitteln sind, steht der wahre Gewinner ja längst fest: das IOC. So erspart man sich Fragen nach Sinn und Rentabilität, Probleme des Alltags haben auf dieser Bühne ohnehin nichts verloren. Es gibt Brot und Spiele, Rekorde! Und als Zugabe werden zum Abschluss noch ein paar tollpatschig Gedopte gesperrt.

Für Entertainment sorgt dieser Tage auch ein Gerücht. Immer öfter fiel ein Name: Wien. Nicht für Sommerspiele, das käme ob der fast inexistenten Sportinfrastruktur exorbitant teuer, sondern für Winterspiele, in Kombination mit dem Semmering. Doch bevor man sich in eine Bewerbungsabenteuer stürzt, muss man genau wissen wozu. Die U-Bahn-Linie U5 findet gewiss auch ohne die fünf Ringe ihren Weg, wer außer der olympischen Familie würde aber sonst noch profitieren? Dabeisein ist nicht immer alles.

E-Mails an: markku.datler@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2016)

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