Sonntagsspaziergang: Michael Ludwig blickt auf einen steilen Aufstieg zurück. Der Vizebürgermeister will über einen weiteren Karrieresprung nicht reden. Gerade deswegen ist mit ihm zu rechnen.
Er selbst im Grünen, mitten in den Weinbergen, zur Rechten der Wiener Millennium Tower, etwa sechs, sieben Kilometer entfernt, dann lenkt er den Blick zu den Türmen der Donau-City. Vizebürgermeister Michael Ludwig genießt beides: seine Laufstrecke im Grüngürtel und den Blick auf die Stadt. Auf seine Stadt. Die Identifikation mit Wien findet sich in jedem zweiten Satz wieder. „Es ist so unglaublich: mitten in der Großstadt und trotzdem so ein Naturerlebnis. Und dass eine Millionenstadt so einen großartigen Weinbau hat.“
Ludwig ist Wiener, genauer: Floridsdorfer, noch genauer: Großjedlersdorfer. Dort hat er die Jugend in einem Gemeindebau verbracht, dort fand er in der Volkshochschule seinen ersten Job. „Ich habe Gesprächskreise zwischen den Generationen organisiert.“ Großjedlersdorf besteht aus einem alten Siedlungsgebiet und neuen Bauzonen, da könne man die verschiedenen Stufen der architektonischen Entwicklung erkennen, die Gemeindebauarchitektur der Zwischenkriegszeit inklusive. Damit ist Michael Ludwig auch bei seinem Leibthema: dem Wohnbau. Ob es ihn überrascht hat, als ihn Bürgermeister Häupl im Jänner 2007 zum Wohnungsstadtrat bestimmt hat? Ludwig verzögert etwas seinen Laufschritt. „Eine besondere Aufgabe, eine besonders schöne Aufgabe.“
Dabei lag seine Zielrichtung zwar auf der Politik, nicht aber auf dem Wohnbau. Er engagierte sich in der SPÖ Floridsdorf und im Gemeinderat, kletterte aber die Stufen der Bildungspolitik hoch: Leiter seiner Volkshochschule, Leiter des Karl-Renner-Instituts Wien und Anwärter auf den Posten des Stadtschulratspräsidenten. „Er hat Handschlagqualität“, verlautet auch aus der ÖVP. Da spielt auch seine gemütliche und ruhige Erscheinung mit. Aber der Posten ist mit Susanne Brandsteidl besetzt, und so gab es das Wohnungsressort. Einen Fuß hat Ludwig immer noch in der Bildungspolitik: Er ist Vorsitzender der Wiener Volkshochschulen und Mitglied des Hochschulrats der Pädagogischen Hochschule des Bundes in der Ettenreichgasse.
Zur neuerlichen Überraschung folgte im März dieses Jahres (nach dem Ausscheiden von Grete Laska) der Aufstieg zum Vizebürgermeister. Die Medien verliehen ihm ungefragt den „Kronprinz“-Titel. Michael Ludwig als nächster Bürgermeister? „Wir haben einen Bürgermeister.“ Ja, aber als nächster? „Michael Häupl wird auch der nächste sein.“ Die Antworten sind hörbar vorbereitet und wurden wohl schon oft und oft gegeben. Aber der „Vize“ weiß natürlich, dass er mit seiner Zurückhaltung und Umgänglichkeit punkten kann.
Erkennen nun, nach dem politischen Aufstieg, die Leute den Läufer? „Ja schon, und das ist auch das Erfreuliche. Es kommt sehr schnell zu Gesprächen.“ Zuerst einmal heißt es Zurücklächeln. Dann müsse man immer wieder stehen bleiben und sich Sorgen und Wünsche anhören. Aber ein Tempobolzer ist Michael Ludwig sowieso nicht. Sechseinhalb Minuten und darüber pro Kilometer sind seine Marke, nur manchmal zeigt er bei einem kurzen Zwischensprint, dass es auch schneller gehen kann. Dem Laufen hat er sich seit seiner Schulzeit verschrieben, zumindest ein Mal pro Woche. Da macht er sich oft Fixtermine aus, die dann auch einzuhalten sind. Meistens mit SPÖ-Politikern aus dem Bezirk wie Gemeinderätin Susanne Bluma und Bezirksrat Christian Peterka. Und auf jeden Fall ist auch seine Frau Irmtraud dabei. „Wir sind Gesundheitsläufer“, sagt Gemeinderätin Bluma.
Zum Fixtermin kommt auch eine Fixstrecke: Von Strebersdorf (seinem nunmehrigen Wohnort) die Krottenhofgasse hinauf und an einem stets am Sonntag geöffneten Weinkeller vorbei zu den Weinbergen rechts und links der Gabrissen, dann mitten durch Stammersdorf, über den Orasteig (linker Hand hat er gerade erst eine Wohnsiedlung eröffnet) nach Großjedlersdorf und entlang des Marchfeldkanals zurück zum Ausgangspunkt. Rund zehn km.
Da gibt es in seiner Partei Marathonläufer wie Alfred Gusenbauer, Josef Cap oder Exminister Karl Schlögl, will er sich nicht einmal mit denen messen? „Ich laufe nicht so sehr auf Distanz und Zeit, ich bin eher ein Genussläufer.“ Ihm gehe es um das Vergnügen und die Umgebung, „etwa, wo es einen guten Heurigen gibt“. Dennoch wird er sich demnächst auf Neuland begeben: Am kommenden Sonntag geht der Stammersdorfer Winzerlauf in Szene. Und Michael Ludwig wird, erstmals bei einem Volkslauf, um elf Uhr am Start stehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2009)