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Zentrum des radikalen Rassismus?

Österreich und die Türkei befinden sich in einem politischen Kleinkrieg.

Man nennt es Eskalation. Nach dem Putsch in der Türkei, der völlig überzogenen Reaktion von Recep Tayyip Erdoğan darauf, seinem Schnellumbau einer Demokratie hin zu einem autoritären System und seinen unverhohlenen Drohgebärden in Richtung Europa befinden sich Österreich und die Türkei in einem politischen Kleinkrieg. Es waren die Anhänger Erdoğans, die in Wien auf Demonstrationen bewiesen haben, dass ihre Loyalität nicht dem österreichischen Staatswesen gilt.

Die besorgte bis empörte Antwort des offiziellen Österreich darauf sorgte wiederum für eine böse Unterstellung Ankaras: In Österreich gebe es keine Meinungsfreiheit, meinten die Spezialisten dieser Disziplin. Daraufhin formulierte Bundeskanzler Christian Kern das, was jeder vernünftige Mensch denkt: Diese Türkei hat in der EU keinen Platz. Daher könne man die Beitrittsverhandlungen gleich aussetzen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sieht das anders: Es wäre ein „schwerer Fehler“, Ankara die Tür zuzuschlagen. Das hat aber auch keiner.

Wie feinsinnig und umsichtig die Regierung in Ankara spricht und lenkt, bewies Außenminister Ahmet Çavuşoğlu am Freitag: Er nannte die Aussagen Kerns hässlich. Mit ähnlicher Eleganz bezeichnete er Wien als Zentrum des radikalen Rassismus. Das ist insofern eine interessante Einschätzung, als doch Tausende türkische Staatsbürger und noch mehr Österreicher mit türkischen Eltern und Großeltern eben dieses Zentrum des radikalen Rassismus als ihre Heimatstadt ausgewählt haben. Entweder wollte Çavuşoğlu diese Zehntausenden mit seiner Aussage auffordern, Wien den Rücken zu kehren, um sich in die alte Heimat (oder woandershin) aufzumachen. Oder der Mann beschimpft auch seine eigenen Landsleute. Was nicht unhässlich ist.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2016)