Sag ja nicht die Wahrheit!

Abgründig, berührend, aktuell: Der Roman „Ohrfeige“ des 1973 in Bagdad geborenen Abbas Khider liest sich wie ein höchst literarischer Kommentar zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise.

Der aus dem Irak stammende deutsche Autor Abbas Khider hat einen Roman über das Schicksal eines Flüchtlings aus dem Irak geschrieben. Obwohl die Handlung meist im Deutschland der Neunziger- und frühen Zweitausenderjahre spielt, ist das Buch hochaktuell. Vieles, was darin geschildert wird, passiert heute genauso oder ähnlich, und in Zeiten der Krise und einer permanent und immer unerbittlicher geführten Flüchtlingsdebatte bietet der Buchinhalt sowohl „besorgten Bürgern“ als auch sogenannten Gutmenschen genügend Stoff, um ihre jeweiligen Standpunkte zu untermauern. Wer die Flüchtlinge für integrationsunwillig und gefährlich hält und für geschlossene Grenzen eintritt, wird sich durch manches im Roman genauso bestätigt fühlen wie jene, die alle Schutzsuchenden nur als Opfer sehen. Doch Khiders Buch ist differenziert und vielschichtig, irritierend, teils poetisch, teils abgründig, berührend, derb oder bitter-ironisch. Es bedarf einer einfühlsamen Lesart, einer Empathie für die Figuren, nach der Fähigkeit unter die Oberfläche zu schauen, statt vorschnell scheinbar naheliegende Schlussfolgerungen zu ziehen.

„Ohrfeige“ heißt der Roman des 1973 in Bagdad geborenen Autors, der als junger Mann aus politischen Gründen eingesperrt wurde, 1996 aus dem Irak flüchtete, nach einer Odyssee als Illegaler durch mehrere Länder endlich in Deutschland bleiben durfte und in München Literatur und Philosophie studierte. Für seine Romane erhielt Khider viele Auszeichnungen. Die vom Literaturkritiker Hubert Spiegel bei der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises gehaltene Laudatio für Khider ist dem Roman vorangestellt. Dieser geistreiche und stimmige Essay, in dem sowohl von „großen, weltweiten Migrationsbewegungen und vom Sprachwechsel“, von einer „neuartigen Weltliteratur“ oder von Homers „Odyssee“ die Rede ist, kann als Vorwort oder, besser, als Nachwort gelesen werden. Wer ganz darauf verzichtet, wird wohl, auch ohne die erklärenden Worte des Essays zu kennen, bei der Lektüre des Romans erahnen, dass Khiders Romanfiguren „einzigartig“, aber doch keine „Ausnahmen und Einzelfälle“ sind, und dass sein „literarisches Werk exemplarische Schicksale unserer zerrissenen Gegenwart“ beschreibt.

Ich-Erzähler ist Karim, ein Iraker, der mit 18 Jahren flüchtet. Diktator Saddam Hussein ist an der Macht, die Bevölkerung leidet an Not und Verfolgung. Karims Fluchtgründe sind jedoch andere. Sie wurzeln in einem traumatischen Kindheitserlebnis. Damals schwärmte er für ein gehörloses Mädchen aus der Nachbarschaft namens Hayat, was auf Arabisch Leben heißt. Eines Tages verschwand Hayat. Sie war, wie Karim bald erfuhr, vergewaltigt und ermordet worden. Ihre Familie verließ daraufhin fluchtartig das Viertel, denn Hayats tragisches Schicksal war in der patriarchalen Gesellschaft des Irak für die Familie eine Schande. Karim „verarbeitet“ den Vorfall auf eigene Weise: aufgrund einer Hormonstörung wachsen ihm in der Pubertät Brüste – eine stimmige Metapher für die Identifikation mit dem Opfer und quasi eine Reaktion auf eine Gesellschaft, in der „klare“ Genderzuordnungen und die damit verbundenen und stets eingeforderten Verhaltensweisen mindestens genauso mit Zwängen, Ängsten und Gefahren verbunden sind wie der Terror des Regimes.

Verzweifelt versucht Karim, seinen physischen Zustand zu verheimlichen. Als er nach der Matura zum Militär eingezogen werden soll, verlässt er das Land. Sein Ziel ist Paris, wo ein Verwandter von ihm lebt, doch nach einer Odyssee setzt ihn der Schlepper mit einigen Leidensgenossen mitten in der bayerischen Provinz ab, und zwar just in Dachau. Bevor Karim wirklich verstehen kann, wo er ist, wird er festgenommen. Er stellt einen Asylantrag und gerät wie alle Flüchtlinge in die Fänge der Bürokratie, mussviele Monate in heruntergekommenen Asylantenheimen und Unterkünften in Zirndorf, Bayreuth und Niederhofen an der Donau zubringen, ist mit Befragungen, Beamtenwillkür und Vorurteilen konfrontiert.

Trotz Arbeitsverbots bekommt er nur 80Mark Unterstützung im Monat und leidet bitterste Armut. Er begegnet Flüchtlingen, die mit Drogen dealen, stehlen oder noch schlimmere Verbrechen begehen, die sich an Männer und Frauen prostituieren, auf dem Schwarzmarkt ausgebeutet werden und nach dem 11. September 2001 dem Generalverdacht ausgesetzt sind, Terroristen zu sein. Das alles geht mit der ständigen Angst einher, keinen positiven Asylbescheid zu bekommen und abgeschoben zu werden.

„Die Grundregel ist: Niemals die Wahrheit sagen!“, erfährt Karim von anderen Flüchtlingen. Alle Menschen in den Notunterkünften haben gute Gründe, warum sie aus ihren Heimatländern geflüchtet sind, oft tragische Erlebnisse, die „für mehrere Leben gereicht hätten“, doch „vor dem deutschen Gesetz wurden sie schlagartig unwichtig, weil sie nicht ins Raster passten“. Auch Karim, dem sein physisches Erscheinungsbild weiterhin peinlich ist, bastelt an einer Lebensgeschichte, die den legalen Anforderungen entspricht, und wird schließlich als Flüchtling anerkannt. Einige Zeit später aber nimmt sein Leben eine dramatische Wende. Trotz des passagenweise bedrückenden und erschütternden Inhalts hatAbbas Khider einen unterhaltsamen Roman geschrieben. Die witzigen Dialoge, die psychologisch einfühlsam gezeichneten Figuren, die spannend beschriebene – nicht immer konfliktfreie – Dynamik unter den Flüchtlingen, das weder einseitig noch holzschnittartig dargestellte Verhältnis von Einheimischen und Fremden und nicht zuletzt die treffenden, zum Teil bizarren Anspielungen und Metaphern tragen dazu bei, dass dieser Roman nicht nur aufgrund seiner Aktualität absolut lesenswert ist.

Khiders Figuren sind Entwurzelte, die sich in einer unmenschlichen Welt sehr human verhalten. Mit all ihren sympathischen Eigenschaften, beängstigenden Schwächen und Schrullen werden sie weder idealisiert noch verteufelt. Dass sie das Pech hatten, nicht im reichen und friedlichen Europa geboren worden zu sein, aber dennoch nach Glück und Sicherheit streben, etwas, was in ihrer Heimat nicht möglich ist, kann man ihnen nicht vorwerfen. Vielleicht sollte jenes „Streben nach Glück“, das vor 240 Jahren in der US-Unabhängigkeitserklärung postuliert wurde, endlich zu einem universalen Menschenrecht werden. Vielleicht genügt aber schon mehr Fairness und Anteilnahme. ■

Abbas Khider

Ohrfeige

Roman. 220 S., geb., € 20,50 (Hanser Verlag, München)