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Schnappschuss aus dem All bringt gezielte Hilfe

Satellitenbild
(c) Z_GIS, MSF

Salzburger Geoinformatiker haben Werkzeuge entwickelt, mit denen humanitäre Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen mit Satellitenbildern ihre Einsätze besser planen und vorbereiten können.

Tausende Menschen, die in einem schwer zugänglichen Gebiet im Südsudan dringend auf medizinische Hilfe warten: Dieses Gerücht hat Anfang 2014 die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen mit Sorge erfüllt. Ein Team in die entlegene Gegend zu entsenden, um das Gerücht nachzuprüfen, hätte viel Zeit und Geld gekostet. Doch die Hilfsorganisation konnte den Mitarbeitern vor Ort rasch Entwarnung geben. Bilder aus dem All hatten gezeigt, dass in dem infrage kommenden Gebiet gar keine Bevölkerung lebte.

Immer öfter nützt die Hilfsorganisation speziell ausgewertete Satellitendaten, um die Lage vor Ort einzuschätzen. Die Werkzeuge, mit denen Satellitenfotos so interpretiert werden können, dass humanitäre Organisationen daraus Nutzen ziehen, haben Salzburger Geoinformatiker entwickelt. Sie gießen die Daten in aussagekräftige Karten. „Wir können mithilfe der Satellitenbilder ziemlich genaue Rückschlüsse darauf ziehen, wie viele Menschen in einem Gebiet leben“, erzählt Projektleiter Stefan Lang von der Uni Salzburg. Die Schnappschüsse aus dem All ermöglichen es, effizienter zu helfen.

 

Aus Mustern herauslesen

Aus den Satellitenbildern jene Informationen abzuleiten, die für humanitäre Hilfe relevant sind, ist gar nicht so einfach. Schließlich sieht man auf den Bildern keine einzelnen Menschen, die man zählen könnte. „Wir sehen Indikatoren und können aus bestimmten Mustern Dinge herauslesen“, erläutert Lang. So erkennt man auf den Satellitenbildern, ob es sich bei Unterkünften um Zelte oder um Häuser handelt.

Je nachdem werden aus diesen Strukturen bestimmte Personenzahlen abgeleitet. Diese automatisierte Interpretation liefert am Ende einen Überblick, wie viele Menschen wo leben. Welche Kategorien, Farben und Formen aus den Bildern herausgelesen und entsprechend zugeordnet werden, haben die Salzburger Wissenschaftler erarbeitet.

In Haiti konnte sich Ärzte ohne Grenzen mit diesen Daten beispielsweise auf einen Ausbruch einer Choleraepidemie vorbereiten und die medizinische Hilfe auf die erwartete Anzahl der Betroffenen abstimmen. Auch vor Impfaktionen liefern die Bilder verlässliche Bevölkerungsschätzungen. „Wir müssen mit unseren Ressourcen sehr sparsam umgehen. Die Daten erlauben uns eine genauere Planung“, sagt Edith Rogenhofer von Ärzte ohne Grenzen: „Zu wenige Medikamente bei einem Einsatz sind genauso schlecht wie zu viele.“

 

Überblick über Flüchtlinge

Auch die Flüchtlingsbewegungen lassen sich aus dem All beobachten. Mithilfe der Satellitendaten erhält die Organisation einen guten Überblick, wo ein Lager entsteht und wie es sich verändert. „Camps sind extrem dynamisch“, erläutert Rogenhofer. Selbst wenn man mit Leuten vor Ort ist, ist die Menge der Bewohner schwer abzuschätzen. Mit den Bildern aus dem All behält die Hilfsorganisation den Überblick.

Die Zusammenarbeit zwischen Ärzte ohne Grenzen und den Salzburger Geoinformatikern hat sich seit 2008 langsam entwickelt. „Ich war zufällig bei einem Vortrag über humanitäre Hilfe, und da ist mir der Gedanke gekommen, dass unsere GIS-Daten dabei gute Dienste leisten könnten“, erzählt Lang: „Logistik und Planung sind mindestens genauso wichtig, wie die medizinische Hilfe.“

Bis aus den Bildern die für die Hilfsorganisation relevanten Daten herausgefiltert werden konnten, dauerte es einige Zeit. Auch das Vertrauen zwischen den Partnern musste erst wachsen.

Mittlerweile werden die Satellitenbilder nicht nur für das Bevölkerungsmonitoring, sondern auch bei der Suche nach Grundwasser oder bei Umweltbeobachtungen eingesetzt. So kann beispielsweise aus dem All kontrolliert werden, ob ein Wiederaufforstungsprojekt erfolgreich verläuft.

Längst sind auch andere Hilfsorganisationen auf die Unterstützung durch die in mehreren Hundert Kilometern Höhe um die Erde kreisenden Erdbeobachtungssatelliten aufmerksam geworden. Im Rahmen des Projektes EO4HumEn+ (Extended EO-based Services for Dynamic Information Needs in Humanitarian Action) arbeiten die Forscher mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, dem Österreichischen Roten Kreuz, dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes, SOS Kinderdorf, Groundwater Relief und Ärzte ohne Grenzen an neuen Einsatz- und Analysemöglichkeiten von Satellitenbildern für humanitäre Zwecke.

Der Blick aus dem All ist rund um die Uhr auf jeden Winkel der Erde möglich. „Die einzige Limitierung ist das Wetter“, weiß Lang. Um auch diese Einschränkung aufzuheben, werden die „Fotos“ mit Radaraufnahmen ergänzt.

IN ZAHLEN

13.688 Unterkünfte wurden im Juni 2014 anhand von Satellitenbildern im Flüchtlingcamp Minkaman im Südsudan halb automatisch gezählt. Die Anzahl der Unterkünfte hat sich innerhalb von eineinhalb Jahren mehr als versechsfacht.

3928 Zelte zählten die Forscher im Jänner 2014, im Juni waren es bereits 13.668. Durch die Zählung der Zelte und Häuser ließ sich die Zahl der im Camp lebenden Menschen abschätzen und deren sprunghafter Anstieg dokumentieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2016)