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Dürfen Christen Fleisch essen?

Die traditionelle Antwort lautet: Ja. Aber nun hat ein Buch eine spannende Debatte über Tierschutz in der Theologie angeregt.

Tiere seien Maschinen ohne Gefühle und Verstand, ihre Schreie nichts weiter als das Quietschen von Maschinen: Diese Ansicht eines der gescheitesten Menschen der Geschichte, René Descartes, ist für uns heute völlig inakzeptabel. Die überwiegende Mehrheit ist heutzutage überzeugt, dass Tiere empfindungsfähige Wesen sind. Das zeigt sich u. a. darin, dass immer mehr Menschen kein Fleisch essen (Vegetarier) oder überhaupt keine tierischen Produkte verwenden (Veganer).

Descartes war seinerzeit mit seiner Ansicht freilich nicht allein. Er spitzte „nur“ die Mehrheitsmeinung zu, und diese war Teil der christlich geprägten abendländischen Geistesgeschichte. Mit dem biblischen Unterwerfungsauftrag habe Gott „die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat“, heißt es etwa im Katechismus.

Aber auch in der Kirche ist einiges in Bewegung gekommen, wie der Grazer Theologe Kurt Remele in seinem Buch „Die Würde des Tieres ist unantastbar“ (231 S., 20,60 €, Butzon Bercker) ausführt. Remele will, so der Untertitel, „eine neue christliche Tierethik“ beschreiben. Papst Franziskus spricht dieses Umdenken immer wieder an: Jedes Geschöpf habe „einen Eigenwert, einen Wert des Daseins, des Lebens, der Schönheit und der gegenseitigen Abhängigkeit mit den anderen Geschöpfen“, sagte er etwa im Vorjahr vor der UNO.

Remele unternimmt in seinem Buch bezüglich unseres Umgangs mit Tieren einen weiten Streifzug durch die Theologie. Biblisch gut begründet sei etwa die Vermutung, dass die Ernährungsweise im Paradies eine vegane gewesen sei. Ob Jesus Vegetarier war, darüber gebe es hingegen keine gesicherten Berichte. Unter den Christen gab es immer wieder Tierschützer – etwa Franz von Assisi oder Philipp Neri. Trotzdem habe der in den christlichen Fastengeboten festgelegte Fleischverzicht nichts mit Tierschutz zu tun, betont Remele – dieser habe ausschließlich asketische Gründe. Überzeugte Vegetarier waren meist der Häresie verdächtig.

Diese Zeiten sind vorbei, Remele sieht in der laufenden Debatte gute theologische Gründe für einen „vegetarisch-veganen Imperativ“. Doch die Tradition ist immer noch machtvoll: Es gebe, so schreibt er, eine nicht zu übersehende „Diskrepanz zwischen frommen Sonntagspredigten, die sehr allgemein zur Verantwortung für die Schöpfung aufrufen, und dem opulenten Sonntagsbraten, der nach dem Hochamt im Pfarrhof verspeist wird“.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

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diepresse.com/wortderwoche


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(Print-Ausgabe, 07.08.2016)