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Sie nennen sie "Knöpfe"

Symbolbild jugendlicher Jihadist
Symbolbild jugendlicher JihadistAFP
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13-Jährige wie Ibn Omar werden zu Selbstmordattentätern ausgebildet. Sie sollen mit Vollgas an einen Checkpoint heranfahren und sich dann in die Luft jagen.

„Wenn du in das Auto steigst und den Knopf drückst, dann kommst du ins Paradies.“ Mit Sätzen wie diesen werden die Kinder und Jugendlichen im Camp in Tabqa, 40 Kilometer westlich der IS-Hochburg Raqqa, auf ihre Mission vorbereitet, erzählt Ibn Omar.

Er war einer von ihnen. Gerade einmal 13 Jahre alt, schloss sich der Syrer dem sogenannten Islamischen Staat an, und sollte zum Selbstmordattentäter ausgebildet werden. „Knöpfe“ werden diese Kinder beim IS genannt. Da sie mit einem Knopfdruck die Bombe zünden. Ihr Ziel waren Checkpoints und militärische Außenposten im syrischen Kobanê. Für sein Interview hat er sein Gesicht vermummt und eine Sonnenbrille aufgesetzt – zu groß ist seine Angst. Mit 15 Jahren ist er schon ein gejagter Mann.

Im Camp wurden den Kindern militärische Taktiken und das Scharia-Recht beigebracht. 500 Kinder und Jugendliche waren mit Ibn Omar dort zusammen. Die jüngsten waren gerade einmal zehn Jahre alt. Manchen wurden Tabletten vor ihrem Angriff gegeben. Vermutlich Beruhigungsmedikamente. Während die Älteren wussten, was auf sie zukam, wurde den Jüngeren nur erklärt, das Auto anzuhalten und die Handbremse zu ziehen. „Dann explodiert es.“

Der Wunsch nach einem Auto war es auch, der Ibn Omar ironischerweise zum IS brachte. „Sie sagen, sie würden mir ein Auto und eine Waffe geben und was immer ich auch will.“ Seine Familie war arm. Ein Auto ein unerreichbarer Traum.

„Am Anfang behandelten sie uns gut und später schlecht“, sagt Ibn Omar. Das Camp erinnerte ihn an eine große Schule. Eine grausame Schule. Regelmäßig fanden Köpfungen statt. Die älteren Jugendlichen sägten mit einem Messer den Kopf von Gefangenen im Camp ab, die mit nach hinten gebundenen Händen am Boden lagen. „Am Anfang dachte ich, es seien Ungläubige, die umgebracht werden“, sagt der Jugendliche. Ehebrecher, Magier, Verräter. Aber seine Meinung sollte sich ändern. „Sie bringen Unschuldige um. Sie sagen, sie sind der islamische Staat, aber sie sind es nicht. Sie erlauben und verbieten Dinge, wie es ihnen passt“, erzählt er.

Ibn Omar sah, wie die IS-Anhänger Menschen auspeitschten – nur weil sie rauchten. Oder wie kleinen Kindern die Hände abgehackt wurden, weil sie Essen stahlen. Denn zu essen gab es nicht viel. Joghurt und Datteln zum Frühstück und dann etwas Huhn, Reis und Lamm zum Abendessen. Kein Mittagessen. Sie mussten hungern, „damit wir im Kampf den Hunger aushalten“.

Unschuldige Opfer. Willkür regierte im Camp. „Wenn sie jemanden nicht mochten, dann wurde er umgebracht oder ausgepeitscht.“ Mit 13 sah er, wie Menschen in kleine Käfige gesperrt und so lang ins Wasser getaucht wurden, bis sie fast ertranken. Andere wurden in ein Auto gesteckt und dann mit einer Granate in die Luft gejagt. „Die älteren Rekruten hatten Smartphones. Wir sahen geköpfte Menschen, alte und junge. Alle waren unschuldig und starben. Und es gab keine Konsequenzen für die Schuldigen, deswegen lief ich weg“, erzählt er. Seither lebt er versteckt in der Türkei: „Ich habe alles verloren. Mein Land, meine Heimat. Alle sind tot.“

Steckbrief

Ibn Omar ist nicht sein richtiger Name. Der heute 15-jährige Syrer heuerte mit 13 Jahren beim IS an. So wie andere auch, trägt er beim Interview eine Sonnenbrille, zu groß ist die Angst, von IS-Anhängern erkannt zu werden.

Die Interviews wurden großteils von einem Fixer organisiert, der selbst ein ehemaliger IS-Anhänger ist. Speckhard und Yayla fragten ihre Interviewpartner nicht über deren eigene Taten aus, damit sie nicht gegen sich selbst aussagen mussten. Aus Sicherheitsgründen wissen sie auch nicht die richtigen Namen ihrer Interviewpartner.

ICSVE

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2016)