„Candy's Camouflage“ von Chris Haring leuchtet Oberflächen aus, deutet Geschichten an, tändelt mit Langeweile und Werbung. Andy Warhol hat das Stück inspiriert, es wird ihm gerecht.
„Candy came from out on the Island, in the back room she was everybody's darling . . .“ Natürlich, wer den Song „Walk on the Wild Side“ von Lou Reed kennt – und wer kennt ihn nicht? – hatte diese Zeilen im Ohr, als im Akademietheater „Candy's Camouflage“ Premiere hatte, ein Stück, das den an Andy Warhols „Exploding Plastic Inevitable“-Revues angelehnten Untertitel „Imploding Portraits Inevitable“ trägt. Auch das Programmheft erwähnt die transsexuelle Schauspielerin Candy Darling (1944–1974), einen von Warhols „Superstars“. In Darlings Testament fand sich ein Satz, der auch von Warhol sein könnte (wobei ihn dieser wohl affirmativ gemeint hätte): „Es langweilt mich einfach alles.“
Die Langeweile ist – im Gegensatz zur Angst, zur Wut und vielleicht zur Trauer – eine spezifisch menschliche negative Emotion, es gibt ein Mittel dagegen: Geschichten. Die drohende Langeweile macht, dass wir nach Geschichten süchtig sind, nach Geschichten suchen.
Auch im Tanztheater. Selbst wenn wir es nicht gern zugeben, wir suchen auch dort nach Geschichten. Vor allem, wenn man sie uns nahelegt: durch einen Namen, durch Hinweise im Programmheft, durch einen Song, der sich uns in den Kopf setzt . . .
Was schreibt sie da auf ihre Haut?
Oder durch Worte, die eine Performerin murmelt, durch Schrift, die sich eine andere auf den Arm schreibt. Was schreibt sie? Was spricht sie? Warum singt sie just „I'm on Fire“ von Bruce Springsteen, dieses gruselige Lied, das offenbar vom „bad desire“ eines Kinderschänders handelt? Und warum redet sie plötzlich über balzende Vögel? Und jetzt über Jenseitsglauben?
Das tun sie alles, die drei Kindfrauen, die „Candy's Camouflage“ aufführen, dazwischen tanzen, weinen und lachen sie, ziehen sich an und aus, immer wieder, filmen sich selbst und einander. Die Bühne ist offen, hier bleibt nichts im Dunkel, Scheinwerfer leuchten alles aus, Kameras zeigen alles. Natürlich nur die Oberfläche, die Haut, das ist klar, was soll eine nicht invasive Kamera sonst zeigen?
Im Gegensatz zu den ersten beiden Teilen von „Imploding Portraits Inevitable“ – ebenfalls nach Fragmenten aus Lou-Reed-Texten benannt: „Shiny, Shiny . . . “ und „False Colored Eyes“ – sind die Bilder in „Candy's Camouflage“ schwarz-weiß. Das macht sie kühler, die Konturen härter, die Schnitte schärfer, das transformiert die Zeit von den Sechziger- in die Achtzigerjahre. Damals haben die Plakate doch so ausgesehen, oder?
Richtig, man denkt an die inszenierten Mienen, Gesten, Posen, die die Begierde des Betrachters genauso evozieren sollen wie die Kaufbereitschaft. Während die Geschichten sich nicht und nicht verdichten wollen, denkt man an Wäschewerbung. Am Ende kommt ein Videoballett der Scheinwerfer. Andy Warhol hätte seine Freude damit.
(Print-Ausgabe, 08.08.2016)