Ihre abgehobene Nonchalance erschwert den Umgang mit seiner lügenhaften Hetze und umgekehrt. Auf der Strecke bleibt bei dieser Wahl der Ideenstreit.
Gibt es objektiven Journalismus? Das hängt davon ab, was man unter Objektivität versteht. Wer sich komplett wertfreie Unvoreingenommenheit erhofft, wird zwangsläufig jedes Mal enttäuscht werden, wenn er eine Zeitung aufschlägt, den Fernsehapparat einschaltet oder sein Smartphone traktiert. Berichtet ein Journalist über ein Ereignis, drückt er schon mit der Wahl dieses Gegenstands eine persönliche Neigung aus. Die Lebenserfahrung und der eigene Wertekanon leiten ihn dann in der Arbeit.
Journalistische Objektivität ist also ein problematischer Begriff. Keinen Zweifel hingegen sollte es (vor allem im Politikjournalismus) am Gebot der Äquivalenz geben. Sprich: Alle Kandidaten werden mit der gleichen Grundhaltung behandelt, keinem wird unfaire Bevorzugung oder Benachteiligung zuteil. Was fordert er? Wie will er es finanzieren? Was sagen die Fachleute? Wie verhält sich das, was er jetzt will, zu dem, was er bisher getan oder früher gefordert hat? Diese Fragen müssen die Medien jedem Amtsanwärter gleichermaßen stellen – und stellen können.
Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, der heute in drei Monaten entschieden sein wird, ist diese Grundannahme arg ramponiert. Das liegt in erster Linie daran, dass der republikanische Kandidat, Donald Trump, einen atemberaubend gleichgültigen Umgang mit der Wirklichkeit pflegt. Um ihn bei seinem Wort zu nehmen: Trump sah nach den Terrorangriffen vom 11. September2001 Tausende Muslime in New Jersey vor Freude tanzen. Er meint, die Arbeitslosenrate betrage möglicherweise 42 Prozent. Er hält den Treibhauseffekt für eine Täuschung der Chinesen. Wladimir Putin wird nicht in der Ukraine einmarschieren.
All diese großen und kleinen Lügen und Wissenslücken werden von einer Hetze begleitet, die sich bisher kein Kandidat einer der beiden staatstragenden Parteien getraut hat. Trumps Sprecherin verhöhnt Präsident Obama als „Chefneger“. Bei seinen Kundgebungen werden übelste Parolen gegen Ausländer, Muslime und Gegenkandidatin Hillary Clinton gegrölt, ohne Trump zu einem Eingreifen zu bewegen – im Gegenteil: Er verspricht jenen, die seinen Kritikern ins Gesicht schlagen, die Erstattung der Anwaltskosten. Über Trump kann man kaum wie über andere Politiker berichten. Seine Entourage hat die Medien samt und sonders zu Feinden erklärt. Nicht einmal sachliche Anfragen zu seinen politischen Vorhaben werden beantwortet. Selbst die hochseriöse „Washington Post“ steht bei ihm auf der schwarzen Liste, ihren Reportern wird der Zugang zu seinen öffentlichen Veranstaltungen verwehrt.
Trump ist ein derart erratischer Politiker, dass die problematischen Aspekte seiner Gegnerin bisweilen nicht so ausgeleuchtet werden, wie es geboten wäre. Was wiegen schon geheime Dienst-E-Mails auf dem privaten Server von Hillary Clinton angesichts der Warnung ehemaliger CIA-Chefs und US-Truppenbefehlshaber, dass Trump nicht an die Atomwaffen gelassen werden sollte? Dabei könnte ein klügerer republikanischer Kandidat, als Trump es ist, die E-Mail-Affäre und den Terrorangriff auf den US-Posten im libyschen Bengasi während Clintons Amtszeit als Außenministerin zu einem überzeugenden Argument gegen sie verwenden. In beiden Fällen versagte die Bürokratie des State Department – und Clinton hat sie nicht reformiert. Wieso also sollten die Amerikaner sie ins Weiße Haus schicken?
Clintons abgehobene Nonchalance erschwert es im Gegenzug, Trumps rücksichtslose Hetzkampagne klar als Angriff auf Amerikas Grundwerte zu fassen. Wer seine Wahl zur ersten Präsidentin gleichsam als historische Unausweichlichkeit zelebriert und kritische Fragen beinahe als Majestätsbeleidigung erachtet, darf sich nicht wundern, wenn selbst ein in der eigenen Partei verhasster Kandidat wie Trump Gehör findet. Einen fundierten Ideenstreit über Amerikas Probleme darf man da nicht erwarten. Die Fernsehdebatten zwischen Clinton und Trump werden höchst unterhaltsames Hauptabendprogramm abgeben – aber keine ernsthafte Auseinandersetzung darüber, wie mit Staatsschulden, Gesundheitswesen, Rassenkonflikten, Klimakrise und der Rolle des Militärs umzugehen sei.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2016)