IAEA-Botschafter: "Wollen nicht Widerstand schüren"

(c) APA (Dragan Tatich)
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Großbritanniens IAEA-Botschafter Smith nimmt im Gespräch mit der "Presse" zur Atomkontroverse mit dem Iran Stellung. Er ist überzeugt, dass der Iran hinter der Atombombe her ist.

„Die Presse“: Der scheidende IAEA-Chef Mohamed ElBaradei hat zuletzt gesagt, die Warnungen vor einer iranischen Atomgefahr seien übertrieben. Hat er recht?

Botschafter Simon Smith: Es gibt allen Grund, über das fortgesetzte iranische Atomprogramm besorgt zu sein. Das ist auch im Bericht dokumentiert, den der Generaldirektor am Montag vorstellt. Der Iran hat mehr als 8000 Zentrifugen in Betrieb, mehr als je zuvor.

Der Iran bewertet den Bericht positiv. Es heißt darin ja auch, dass sich die Urananreicherung verlangsamt habe und es bessere Kontrollen in Natanz gebe.

Smith: Diese Kontrollen hätte der Iran schon vor einem Jahr zulassen müssen, ebenso wie den Zugang zum Schwerwasserreaktor in Arak. Wir werden da sicher nicht applaudieren. Aber es stimmt: Laut IAEA-Bericht hat der Iran weniger Uran in die Zentrifugen eingespeist. Dafür laufen jedoch mehr Zentrifugen. Nur wenn der Iran ein großes Netzwerk ziviler Atomkraftwerke hätte, hätten die Zentrifugen einen Sinn. Aber der Iran hat keinen einzigen Reaktor, der das angereicherte Uran aus Natanz braucht.

Teheran behauptet, dass es Atomkraftwerke bauen will.

Smith: Warum spannt der Iran dann den Karren vor das Pferd? Ich kann keine ökonomische Logik darin erkennen, nuklearen Brennstoff selbst zu produzieren, anstatt ihn zu kaufen.

Wo ist der stichhaltige Beweis, dass der Iran die Atombombe baut?

Smith: Im aktuellen Bericht hat die Atomenergiebehörde die militärische Dimension des iranischen Programms behandelt: das Projekt zum Design eines Raketen-Wiedereintrittsvehikels, das Projekt zum Test hochexplosiver Sprengkörper, das Green-Salt-Projekt für Nuklearsprengköpfe. Die IAEA nimmt all diese Beweismittel sehr ernst. Doch sie schließt daraus nicht explizit auf ein Atomwaffenprogramm.

Sind Sie selbst überzeugt, dass der Iran hinter der Atombombe her ist?

Smith: Ja. Bestimmte iranische Projekte können nur Forschungen zur Entwicklung eines Atomsprengkopfs gedient haben.

Gibt es Beweismittel, die nicht im Bericht erwähnt sind?

Smith: Ja, es gibt weitere Fragen, die die Atombehörde dem Iran stellen könnte.

Der Atomstreit mit dem Iran dauert schon sieben Jahre. Ist nicht bald das Ende der Fahnenstange erreicht?

Smith: Das würde ich nicht sagen. Wir verfolgen eine Doppelstrategie, in der wir den Iran mit einem Angebotspaket zur Kooperation ermutigen und gleichzeitig den Druck erhöhen. Jetzt warten wir noch, ob der Iran auf das Gesprächsangebot aus dem April eingeht. Wenn nicht, kann man noch vor dem UN-Sicherheitsrat Maßnahmen ergreifen, indem man iranische Konten einfriert oder auch Sanktionen auf dem Ölsektor verhängt.

Wären internationale Sanktionen aber nicht Wasser auf die Mühlen der iranischen Hardliner?

Smith: Das muss man natürlich immer berücksichtigen. Sanktionen könnten einen Schulterschluss bewirken. Andererseits haben wir den Eindruck, dass die bisherigen Maßnahmen gegriffen haben und inzwischen auch interne Kritiker im Iran auf den Plan gerufen haben. Aber lassen Sie mich klarstellen: Wir wollen nicht den Widerstand gegen das iranische Regime schüren.

Welche Strategie und welches Ziel verfolgen die Iraner?

Smith: Bei den Iranern herrscht offenkundig die Einschätzung vor, dass bisher keine internationale Institution Entschlossenheit gezeigt hat. In Teheran sind sie eher zum Schluss gekommen, dass die kleinsten gemeinsamen Nenner nicht sehr effektiv waren. So konnte der Iran Zeit gewinnen, um Fakten zu schaffen. Ich weiß nicht, ob die Iraner selbst ihr Ziel genau definiert haben. Alles liegt auf einer Bandbreite. Sie wollen jedenfalls zeigen, dass sie nuklearfähig sind, also genug Material und Know-how für eine Atombombe haben. Am anderen Ende des Spektrums liegt ein kleines Arsenal mit ein paar Atomraketen.

ZUR PERSON

Simon Smith ist seit 2007 Großbritanniens Botschafter in Wien und hier auch für internationale Organisationen zuständig. Der 51-jährige Karrierediplomat war Direktor der Russland-Abteilung im Foreign Office, bevor er nach Österreich kam. Diese Woche vertritt Smith sein Land bei der Gouverneursratssitzung der Atomenergiebehörde (IAEA). [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2009)

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