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Streit um Medikamentenpreise flammt wieder auf

Erst im Vorjahr einigten sich die Pharmafirmen und die Krankenkassen auf einen neuen Rahmenvertrag. Doch der Frieden dauerte nicht lang. Schon wieder wird gestritten.

Wien. Nach mühsamen Verhandlungen einigten sich die österreichischen Sozialversicherungen und die Pharmafirmen im Vorjahr auf einen neuen Rahmenvertrag über Maßnahmen, um die stark gestiegenen Medikamentenpreise einzudämmen. Die Regierung drohte sogar mit einem Sondergesetz, bei dem die Rabatte gesetzlich festgelegt werden sollten. Die Industriellenvereinigung und die Wirtschaftskammer liefen dagegen Sturm. Schließlich lenkten die Pharmafirmen doch ein und sagten den Krankenkassen freiwillige Millionenrabatte zu. Allein für heuer sind Rabatte von 125 Millionen Euro vorgesehen.

Trotzdem wird jetzt schon wieder über die hohen Medikamentenpreise gestritten. Die Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), Ingrid Reischl, erklärte am Montag, es sei „keine Entspannung in Sicht“. Allein im Juni seien bei der WGKK die Kosten für Medikamente um 5,1 Prozent gestiegen. Reischl verlangte neue gesetzliche Rahmenbedingungen. Die Pharmawirtschaft konterte, dass sie die Angaben von Reischl nicht nachvollziehen kann.

Tatsächlich ist das Klima zwischen dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger und der Pharmaindustrie angespannt. Laut „Presse“-Informationen gibt es hinter den Kulissen unter anderem einen Konflikt über die Preise für sogenannte Biosimilars. Dabei handelt es sich um Nachahmerprodukte von Biopharmazeutika. Das sind Arzneistoffe, die mit Mitteln der Biotechnologie und gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden. Solche Stoffe gehören zu den stark wachsenden Geschäftsfeldern der Pharma- und Biotechnologieindustrie. Sie werden beispielsweise zur Behandlung von Krebs, Multipler Sklerose, Diabetes und Rheuma eingesetzt.

„Biopharmazeutische Arzneimittel oder Biologika haben die moderne Medizin revolutioniert und stellen oftmals die einzige Therapieoption für lebensbedrohliche Erkrankungen wie Krebs oder Autoimmunerkrankungen dar“, heißt es auf der Homepage der Pharmafirma Sandoz. Auch Otto Pjeta von der Österreichischen Ärztekammer betont, dass es sich dabei um „einen neuen therapeutischen Ansatz“ handelt, der unverzichtbar sei. Auch die Bedeutung von Biosimilars nimmt zu. Es wird geschätzt, dass die Pharmafirmen in den fünf größten EU-Ländern bis 2020 mit Biosimilars 47 Milliarden Euro umsetzen werden.

Einige Stoffe nicht erhältlich

Doch in Österreich sind einige Biosimilars nicht erhältlich. Dazu gehört etwa Grastofil. Dieser Arzneistoff wird in anderen Ländern beispielsweise unterstützend zur Chemotherapie eingesetzt, um das Risiko von bestimmten Infektionen zu verhindern. Die Zurückhaltung der Pharmaindustrie hängt damit zusammen, dass in Österreich Biosimilars bei der Erstattung wie Generika behandelt werden. Und genau über diesen Punkt wird gestritten.

Die Pharmafirmen betonen, dass sie in anderen EU-Ländern für Biosimilars mehr Geld bekommen. Doch der Hauptverband der Sozialversicherungsträger besteht auf der Anwendung der Generika-Preisregelung. Kommt in Österreich das erste Generikum auf den Markt, muss es einen Preisabschlag von 48 Prozent zum Originalmedikament geben. Diese 48-Prozent-Regelung gilt auch für Biosimilars. Dagegen laufen die Pharmafirmen Sturm. Sie fordern, dass der Preis für Biosimilars nur um 30 Prozent reduziert wird. Denn die Entwicklung eines Biosimilars dauert acht Jahre mit Kosten von rund 200 Millionen Euro. Im Gegensatz dazu kann ein Generikum schon innerhalb von zwei Jahren entwickelt werden. Die Kosten belaufen sich dabei nur auf rund fünf Millionen Euro.

Bei dem Streit geht es um viel Geld. Denn die Behandlung von Patienten mit Biopharmazeutika ist teuer. Die geschätzten Behandlungskosten pro Tag sind laut Experten im Schnitt um das 22-Fache höher als die Therapie mit herkömmlichen niedermolekularen Wirkstoffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2016)

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