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"Bankrotterklärung": Schelte für "Faust" aus dem Ausland

Gert Voss als Mephisto in Faust
(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Burg-Chef Hartmann muss Kritik einstecken: Rezensenten aus Deutschland und der Schweiz lassen kein gutes Haar an seiner "Faust"-Inszenierung. Allein Gert Voss wird gelobt.

Kein Lob für die Eröffnungsinszenierung des "Faust" vom neuen Burgtheater-Chef Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater gibt es aus dem Ausland: Als "Desaster", "bis auf die ödesten Banalknochen geist- und sinnfrei abgenagt", "Armutszeugnis und Bankrotterklärung " wird der Mammut-Abend mit beiden Teilen des Goethe-Stücks fast durchgehend verworfen - ebenso wie Tobias Moretti in der Titelrolle als "Fehlbesetzung", "überforderter Schauspielschüler" und "Leerstelle". Lob gab es unterdessen für Gert Voss als Mephisto und vor allem für Katharina Lorenz' Gretchen.

"FAZ": "Aufs kläglichste kapituliert"

"Man sieht keine Gedankenlüstlinge und Fühlungsnehmer, nur lauter Leerläufer, die ihren schnöde zusammengekürzten Versen verzweifelt hinterherklappern", urteilt etwa die "FAZ". "Sieben Stunden lang. Diese dehnen sich in der Tragödie zweitem Teil trotz purem Videoschnipselreigen und dümmlichster Szeneninhaltsangabe statt Szenenspielen endlos lange. Es wird hier vor Goethes allegorischer Phantasie und Fülle aufs kläglichste kapituliert. Es ist, als hätte der Zahn der Zeit, den ihre moderne Kostümierung nahelegt, diese Aufführung bis auf die ödesten Banalknochen geist- und sinnfrei abgenagt."

"Frankfurter Rundschau": "Fehlbesetzung"

Die "Frankfurter Rundschau" versucht, den "enormen den neuen Intendanten innig umarmenden Beifall" des Burgtheater-Publikums zu erklären: "Vielleicht weil er so inszeniert hatte, als sei er schon sein Leben lang Burgtheaterintendant". Die Inszenierung, insbesondere der "gewichtigere" erste Teil sei allerdings "erstaunlich vor allem in seiner absoluten Unbelecktheit von jedes Regie- oder sonstigen Gedankens Befruchtung. Da findet sich, auch bei bereitwilliger Suche, keine Idee in diesem Philosophendrama, diesem Weltstück, diesem Gedankenturm".

Tobias Moretti habe sich "unglaublich rechtschaffen" bemüht, aber: "Da ist kein Erkenntnisdrang, keine Liebe, keine Geilheit, da ist nicht einmal ein Hallodri. Von diesem Nichts würden wir uns auch nicht aus dem Kerker retten lassen! Faust, eine Leerstelle, 'Faust' ohne Faust. Wenn der Begriff Fehlbesetzung greift, dann hier. Oder ist da einfach etwas schiefgelaufen zwischen Regisseur und Schauspieler?" Katharina Lorenz als Gretchen sei dagegen "eine Sensation. Wahrscheinlich ist das die zugleich zeitgemäßeste und textnaheste Interpretation des Gretchens seit langem."

"NZZ": Moretti weiß mit Titelrolle nichts anzufangen

Den "falschen Faust" wählte Hartmann auch für die "Neue Zürcher Zeitung " (NZZ): "Während Voss dem clownesken Mephisto bewundernswerte Souplesse gönnt, den Pudel mit hechelnder Zunge, Quastenmütze und wedelndem Hinterteil allerliebst gibt und in Smoking und Strohhut auch Frau Marthe flugs bezirzt, weiss Tobias Moretti offensichtlich nie, was er mit der Titelrolle anfangen soll. Den Anfangsmonolog murmelt er in der dunklen Tiefe der Bühne, verschanzt hinter seinem Laptop. Gepackt von einem Raptus, zerschmettert er besagten Laptop alsbald und verfüttert ihn dem Shredder. Kahlrasiert steht Moretti da, sich von Satz zu Satz hangelnd. Was außerdem das Problem seines Faust sein könnte, bleibt gänzlich verborgen: Die Metaphysik hat Hartmann gestrichen."

"taz": "Wie ein überforderter Schauspielschüler"

In der "taz" wird vor allem der Kontrast zwischen den beiden Hauptdarstellern unterstrichen: "Okay, Gert Voss lieferte als tänzelnder und züngelnder Jahrmarkt-Mephisto die Rampen-Show, die man sich von ihm erwarten darf, sorgte damit aber auch mit dafür, dass Tobias Moretti nicht wie ein 'Habe nun, ach, alles studiert', sondern wie ein überforderter Schauspielschüler wirkte. Mehr war da nicht, während Hartmann in 'Faust II' einmal mehr den Avantgardisten in sich entdeckte und aus Goethes pandämonischer Griechen-Reste-Rampe eine sinnfreie Videoexkursion machte. 'Mit Goethe baden gehn' hätte das Motto des Neustarts bis dahin lauten können, wäre auf die zwei Fäuste nicht doch noch ein Halleluja in Form von Roland Schimmelpfennigs 'Der goldene Drache' gefolgt."

"Welt": "Nicht die Spur von einem Geist"

In der "Welt" zitiert Ulrich Weinzierl aus dem Abend: "'Stadttheater! Scheißtheater! Burgtheater!' Und weiter: " Die Inszenierung "verärgert nicht zuletzt in ihrer intellektuellen Dürftigkeit: Wir finden nicht die Spur von einem Geist, und alles ist Dressur. Das Armutszeugnis des ersten Teils trennt von der Bankrotterklärung des zweiten nur eine Pausenstunde. Die läppisch bebilderte Reader's Digest-Fassung der größten abendländischen Bildungsreise quer durchs mythologische Gebirge ist eine Video-Klamotte, eine virtuelle, oft ahnungslos veräppelnde Inhaltsangabe mit ausgetauschtem Kleinensemble. Aus ihm sticht einzig Joachim Meyerhoffs Mephisto hervor. Er wäre auch in 'Faust I' die bessere Besetzung gewesen."

"Stuttgarter Zeitung": "Da hilft auch keine Glatze"

"Eine grandiose Fehlbesetzung" ist Moretti auch für die "Stuttgarter Zeitung": "Keinen Moment lang glaubt man diesem männlich-sinnlichen Kraftpaket die zerquälte Einsamkeit der Studierstube und die verzehrende Sehnsucht nach dem nicht gelebten Leben, da hilft auch keine Glatze." Dennoch "trübte kein einziges Buh den "kurzen, aber entschlossenen Jubel - dazu gab es auch keinen Grund, denn an dieser Aufführung ist nichts, was irritieren oder gar verstören könnte. Das bedeutet aber zugleich, dass eine persönliche gedankliche Auseinandersetzung des Regisseurs mit Goethes gewaltigem, visionärem Menschheitsdrama nicht stattgefunden hat. Das scheint auch nicht sein Ziel gewesen zu sein."

"Stuttgarter Nachrichten": Abend besser verschweigen

Ein Abend, "den es besser zu verschweigen gälte, befänden wir uns nicht am Wiener Burgtheater", orten die "Stuttgarter Nachrichten": "Die Burg ist, noch immer, eine der wichtigsten deutschsprachigen Bühnen: das beste Budget, das größte Ensemble, die höchsten Ansprüche(...) Endlich!, atmete die ins Klassische verliebte Stadt auf, endlich wieder 'Faust' an der Burg. Es ist ein Desaster. Hartmann hat den Willen zur großen Geste, aber keine Haltung zum Stoff, keine inhaltliche Idee und offenbar kein Inszenierungsvermögen, das über das bloße Organisieren des Textmaterials hinausweist."

(APA)