Mit einer Serie von Zaubertricks zeigten britische Forscher, wie leicht manipulierbar Wahrnehmung ist.
Eine „befriedigende Aufklärung der Magie“ suchte Freud in „Totem und Tabu“ – und fand sie in der in animistischen Kulturen herrschenden Idee, dass Gedanken allmächtig seien, dass man etwa einen Feind durch bloßen Wunsch töten könne.
Seine experimentierenden Kollegen, ebenfalls fasziniert von Magie, gingen diese schon im 19. Jahrhundert pragmatischer an und fragten: Wie schaffen es Zauberer, die Wahrnehmung ihres Publikums zu manipulieren? Diese Frage stand am Beginn der Experimentalpsychologie, in dieser Tradition steht auch eine in Frontiers in Psychology (9. 8.) veröffentlichte Studie von Psychologen um Matthew Tomkins an der Oxford University.
420 Freiwilligen wurden Serien von je fünf tonlosen Videos vorgeführt, in denen man einen Zauberer sah, der mit einem Objekt hantierte, je nach Serie mit einer Münze, einem Ball, einem Taschentuch etc. Tatsächlich zeigten jeweils das erste, zweite und vierte Video ein physikalisch unplausibles Geschehen, etwa eine unerklärliche Änderung der Farbe oder eine spontane Reparatur eines zerbrochenen Objekts. Das jeweils dritte Video zeigte ein sehr wohl physikalisch plausibles Geschehen – so wollten die Psychologen gewährleisten, dass die Versuchspersonen nicht alles, was ihnen als Zaubertrick präsentiert wird, als einen solchen auffassen.
„Phantom Vanish Trick“
Im jeweils fünften Video tat der Zauberer so, als ob er ein Objekt verschwinden lasse. Allerdings sah man gar keines. Dennoch waren 32 Prozent der Personen überzeugt, dass sie etwas verschwinden gesehen hatten. Elf Prozent meinten sogar zu wissen, welcher Gegenstand verschwunden war, meist war es natürlich jener, der in den anderen Videos ihrer Serie die zentrale Rolle gespielt hatte. Diese Personen bewerten den Pseudotrick, den die Forscher „Phantom Vanish Trick“ nennen, als mehr „magisch“ als jene, die nicht sagen können, was da verschwunden ist.
„Die Menschen verwechseln offenbar ihre Erwartungen mit einem tatsächlichen Sinneseindruck“, erklärt Matthew. Dieses Ergebnis passe gut zu früheren Studien zu einem ernsten Thema: wie stark Berichte von Augenzeugen, etwa eines Verbrechens, von den Fakten abweichen können, weil die Erwartungen wenn auch nicht allmächtig, so doch sehr mächtig sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2016)