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Wir haben kein Bild von Rihanna

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In der Wiener Stadthalle enthüllte die Starsängerin aus Barbados unter anderem ihr Gesicht: Eine geschmackvolle, aber wenig zwingende Show. Haben wir sie missverstanden?

Work, work, work, work, work“, sang Rihanna. Das mag erotisch gemeint gewesen sein, doch wenigstens die Mobiltelefone arbeiteten hart und ganz ohne Doppeldeutigkeit: In den knappen eineinhalb Stunden in der Stadthalle entstand gewiss ein Terabyte an Bildern und Videos.

Diese private Bilderflut steht im krassen Gegensatz zum offiziellen Bilderverbot: Rihannas Management lässt keine Fotografen zu. So widersprüchlich das wirken mag, es hat seine Logik: Es gibt keinen zentralen Blick auf diese Show, keine ausgezeichnete Sicht. Sie hat sozusagen den Charakter einer Peepshow: Man muss Blicke erhaschen, sich eine Sicht suchen, und man kann nie sicher sein, das Ganze gesehen zu haben. Schon, weil es das Ganze nicht gibt in dieser Show.

Sie begann am Rand, im Foyer: Unter steigender Aufmerksamkeit – und Fotografierfrequenz – der Besucher wurde ein Terrain um die Damentoilette geräumt und abgesperrt, ganz offensichtlich, um einen freien Gang zu schaffen. Bald wurde gemunkelt: Wird sie aus dem Klo kommen?

Nicht ganz. Rihanna kam aus der Besuchergarderobe, wie ein kleines weißes Gespenst: Gehüllt in eine Art Bademantel, das Gesicht unter der Kapuze versteckt, von Leibwächtern beschirmt, huschte sie in den Saal, sang „I want you to stay“, zu gefälligem House-Klavier, dann, zu kräftig stampfendem Beat, „I try to run, but I don't ever wanna leave“. Temporäre Heimat fand sie zunächst in einem recht fragil aussehenden weißen Quader, der in der Halle zu schweben schien. Erst bei der fünften Nummer bestieg sie eine echte Bühne, weiß und geräumig wie ein frisch ausgemaltes Loft.

Indessen enthüllte sich Rihanna allmählich, gab den Blick auf ihren berühmten Hintern frei, dessen Schwingungen dem – weiblich dominierten – Publikum kollektive Aufschreie der Begeisterung entlockten.

Aber auch auf ihr Gesicht: Es ist in Rihannas Show der zweite Körperteil, der immer wieder verhüllt und enthüllt wird, der ganz offensichtlich erotisch aufgeladen ist; auch ihre Tänzerinnen haben oft die Gesichter hinter Schleiern und Kapuzen verborgen. Man geht vielleicht zu weit, wenn man diese Ausweitung der Ver- und Enthüllungszone aus dem wachsenden Einfluss der muslimischen Kultur erklärt. Sie hat ihren Reiz, und sie passt zum verbalen Spiel mit Geheimnissen auf einem Beilageblatt zu Rihannas aktuellem Album „Anti“, das sonst nichts Geschriebenes enthält, weder Songtexte noch Besetzungsangaben. „I sometimes fear that I am misunderstood“, schreibt sie; was sie zu sagen habe, sei von solcher Substanz, dass die Menschen die Tiefe ihrer Botschaft einfach nicht verstehen würden. Und weiter: „The world is a pin drop sound compared to the boom that thumps and bumps against the walls of my cranium.“

Unnötig bombastischer Sound

Was ist all die Welt gegen dieses Hirn? Schon lang nicht hat man ein so tief romantisches Künstlerpathos gehört wie aus diesen Worten, und man schämt sich fast zu gestehen: In Rihannas gewiss klug gezimmerten Songs hört man es kaum, und live noch weniger als auf ihren Alben. Es sei denn, man ist gewillt, den bombastischen, offenbar nach dem alten ungarischen Motto „Noch einen Löffel Rahm!“ gekochten Sound als Ausfluss eines überschwänglichen Hirns zu verstehen.

Nein, das muss man nicht. Gerade dieses Liveprogramm – bei dem immer wieder Songs ohne Rücksicht auf den Inhalt gekürzt und zu Medleys verschmolzen werden – wirkt eher nach R&B-Routine, noch dazu mit eher mäßiger Spannungsdramaturgie. Bald genitale Protzerei („Sex With Me“), Geldgier („Pour It Up“) und Gangsterattitüde („All Of The Lights“), bald Liebesschwur („We Found Love“), esoterischer Schmus („Diamonds“) und Outlaw-Sentimentalität („Desperado“, mit einem krass zeigefreudigen Gitarrensolo), alles ganz virtuos, aber nichts zwingend. Vielleicht am tiefsten empfunden wirkte das Versöhnungsangebot an den untreuen Mann in „Love On The Brain“, das kann aber auch am Retro-Soul liegen, der geht immer.

Rihanna kombinierte ihn stilecht zu einem weiten Hosenanzug, wie alle Kostüme in Beige und Braun gehalten, wohl der Modelinie folgend, die ihr Freund und Kollege Kanye West geprägt hat. Ziemlich dezent jedenfalls: Die programmatische Geschmacklosigkeit, das Provinzzirkusflair, das etwa Shows von Lady Gaga oder Shakira auszeichnet, findet man bei Rihanna nicht. Auch der Schaum, der im letzten Drittel im Hintergrund der Bühne seine Blasen schlug, wirkte nicht peinlich. Und selbst, dass die Aphrodite, für die er gemacht war, ein übers andere Mal mitten im Lied „Vienna!“ rief, muss man ihr verzeihen. Man muss ja zeigen, dass man weiß, wo man ist.

Bevor ein langer Nachspann auf der Leinwand alle, alle Mitarbeiter bedankte, von den Kameraassistenten bis zu den Busfahrern, warf Rihanna nicht nur Kusshände ins Publikum, sondern gab auch Autogramme. Mit Selfie-Gelegenheit, versteht sich. Da war das Terabyte aber ohnehin schon voll. Was wird nur mit all den Bildern passieren? Ein Bild ergeben sie nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2016)

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