Finanzwirtschaft an die Kandare

(c) AP (Lefteris Pitarakis)
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Statt um den heißen Brei herumzureden, sollten die G20 endlich handeln. Die Welt ist nicht wegen den Bonuszahlungen in ihre schwerste Wirtschaftskrise seit achtzig Jahren gestürzt.

Beim jüngsten (erwartungsgemäß ziemlich ergebnislosen) G20-Gipfel in London lag der Schwerpunkt bei den teils wirklich unanständigen Bonuszahlungen für Banker. Die Finanzminister der wichtigsten Industriestaaten haben damit zwei Dinge signalisiert: dass sie ihr populistisches Handwerk verstehen. Dass sie im Gegensatz dazu aber das Wesen der Krise immer noch nicht geschnallt haben.

Die Bankerboni sind natürlich eine dankbare politische Formmasse: Kann man damit doch den Wählern klarmachen, dass man etwas gegen die Gierschlünde „da oben“ unternimmt. Und ganz falsch liegt man damit ja auch wirklich nicht: Die derzeitige Form der Bonuszahlungen setzt tatsächlich falsche Anreize und verleitet auch zum Eingehen überzogener Risken.

Und dass einige Wall-Street-Raffzähne (Österreich ist in diesem Punkt ja eine sehr gemäßigte Zone) den Bogen auch noch überspannt haben, indem sie sich mitten in der Krise Boni genehmigen, die teilweise die Höhe der von ihren Instituten vereinnahmten staatlichen Rettungsgelder erreichen, zeigt ja, dass hier tatsächlich Reformbedarf besteht.

Aber die Bonuszahlungen haben die Malaise nicht ausgelöst. Die Welt ist aus anderen Gründen in ihre schwerste Wirtschaftskrise seit achtzig Jahren gestürzt.

Etwa deshalb, weil den Bankern das Risikomanagement völlig entglitten ist. Weil sie mit Hebeln arbeiten konnten, die jeden ordentlichen Kaufmann erschaudern lassen. Weil sie die riskantesten Geschäfte (beispielsweise Kreditderivate) außerhalb der Bilanzen führen durften. Weil sie Schrottpapiere in außerbilanziellen Zweckgesellschaften verstecken konnten. Und weil sie in diesem Chaos selbst die Übersicht verloren.

Hier ist anzusetzen. Und natürlich wissen die Experten auch längst, wie: Ordentliche Eigenkapitalunterlegungsvorschriften für riskante Produkte und ein Ende des bilanziellen Versteckspiels. Die Euronotenbanker haben das am Montag ebenso angedeutet wie die G20-Minister, die am Wochenende einen größeren „Kapitalpuffer“ für Banken gefordert haben.

Gerade die riesigen „Hebel“, mit denen sich die Banken selbst in den Abgrund gehebelt haben, sind ja ganz ohne Produktverbote sehr einfach zu kappen: Wenn nicht nur Kredite, sondern auch alle Arten von Derivaten ordentlich unterlegt werden müssen – und zwar umso mehr, je riskanter das Produkt ist –, dann sind die Geschäftsvolumina automatisch begrenzt.

Und das Vertrauen in die Finanzwirtschaft kann schnell wiederhergestellt werden, wenn die Banken alle, wirklich alle derzeit außerbilanziell geführten Geschäfte und Töchter in die Bilanz nehmen müssen. Dann könnte man auch mit Bankbilanzen wieder etwas anfangen, die derzeit über den wahren Zustand der Institute ja genau null aussagen.

Natürlich geht das nicht sofort: Das globale Bankensystem ist zurzeit technisch gesehen insolvent. Eine wahrheitsgetreue Bilanzierung würde den sofortigen Zusammenbruch bewirken. Aber für die Zeit nach der Krise sollte man das wenigstens ordentlich vorbereiten. Denn die großen Player in der Finanzwelt scheinen tatsächlich nicht lernfähig zu sein.

Der politisch einflussreiche Chef der Deutschen Bank etwa hat schon erklärt, er strebe für sein Institut wieder 25 Prozent Rendite an. Das geht nur, wenn er so weitermacht wie bisher. Und davor möge uns die Politik bewahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2009)

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