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Iran: Unterschlägt ElBaradei Beweise für die Bombe?

(c) APA (Roland Schlager)
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Der IAEA-Chef ist empört über Vorwürfe Israels und des Westens, er halte Belege für Irans militärisches Atomprogramm zurück.

WIEN.Mohammed ElBaradei war richtig sauer. Er sei bestürzt über die Anschuldigungen „mancher Mitgliedstaaten“, wonach die Atomenergiebehörde IAEA Informationen über Irans nukleares Programm zurückhalte, sagte der ägyptische Chef der IAEA zu Beginn der Gouverneursratssitzung in Wien. „Diese Anschuldigen sind politisch motiviert und entbehren jeglicher Grundlage.“

Es sind vor allem die Vertreter Frankreichs und Israels, die einen „Annex“ über Belege für die militärische Ausrichtung des iranischen Atomprogramms im Bericht der Behörde vermissen. Auch die USA, Deutschland und Großbritannien sollen auf die Veröffentlichung zusätzlicher Geheimdienstinformationen gedrängt haben. „Ich bin nicht unzufrieden mit dem Bericht“, sagte der britische Botschafter Simon Smith zur „Presse“. Er hätte jedoch die Analyse schärfer formuliert.

Auf Druck westlicher Staaten hat die IAEA wie schon im Vorjahr zwei der insgesamt sechs Seiten ihres Berichts den „möglichen militärischen Dimensionen“ gewidmet. Dabei flossen jedoch für den Geschmack einiger Gouverneure, der Staatenvertreter in der Behörde, zu wenige Details ein.

Welcher neue „Annex“ im aktuellen Bericht fehle, wollten israelische Beamte gegenüber der „Presse“ nicht sagen. Die IAEA erklärte, es sei gar nichts weggelassen worden. Auch Informationen, die von einem Laptop stammen, der angeblich von einem iranischen Atomingenieur außer Landes geschmuggelt worden ist, fanden nach Angaben eines westlichen Diplomaten Eingang in den Bericht. Olli Heinonen, der Chefinspektor der Behörde, hat den Inhalt des Laptops im Februar 2008 präsentiert. Er soll damals gesagt haben, dass die Dokumente eindeutig auf den Bau einer Atombombe hinwiesen.

 

Die wichtigsten Verdachtspunkte

Tatsächlich weist die IAEA in ihrem neuen Iran-Bericht ziemlich kursorisch auf die wichtigsten Verdachtspunkte, Teheran könnte ein militärisches A-Programm betreiben, hin: Es sind dies insbesondere Studien über extrem schnell zündende Sprengstoffe, die Verarbeitung von metallischem Uran zu Hohlkugeln und über die Konstruktion neuer Wiedereintritts-Flugkörper. (Darunter versteht man die Spitze von Raketen, die den Gefechtskopf enthält. Bei ballistischen Raketen großer Reichweite trennt sie sich auf dem Flug durch den erdnahen Raum von der Rakete ab und rast durch die Atmosphäre dem Ziel entgegen.)

In allen diesen Punkten betont die IAEA, der Iran habe hier noch einiges aufzuklären, um den Verdacht zu entkräften. Grundlage der Verdächtigungen seien vor allem „Informationen seitens einiger Staaten“ – deren Authentizität könne man zwar nur begrenzt selbst überprüfen, sie seien aber in ihrer Gesamtheit „konsistent, genügend umfassend und detailliert“, sodass sie „natürlicherweise“ Zweifel an Irans Intentionen nähren könnten.

Über genau diese Informationen lässt sich aber der aktuelle IAEA-Bericht nicht im Detail aus – allerdings verweist er auf den „Annex A“ zu einem früheren Bericht vom Mai 2008, der diese Informationsquellen erläutert: Zahlreiche meist in Farsi gehaltene Dokumente, in denen etwa von Anlagen die Rede ist, die einen unterirdischen Atomtestkomplex nahelegen – oder die von einem iranischen Ingenieur handeln, dessen Lebenslauf u. a. enthält, dass er sich mit mathematischen Gleichungen zur Kinetik von Kernwaffenexplosionen beschäftigt habe.

In ihrem aktuellen Bericht attestiert die Atomenergiebehörde dem Iran, teilweise zu kooperieren. So sei den Inspektoren der Zugang zum Schwerwasserreaktor Arak gestattet worden, der 2011 fertig sein soll. Auch in der Urananreicherungsanlage Natanz seien Kontrollen möglich gewesen: Hier stünden etwa 8300 Uran-Zentrifugen, wovon gut 4600 arbeiteten. Bisher seien etwa 1400 kg leicht angereichertes Uran erzeugt worden.

Die westlichen Staaten plädierten für einen möglichst harschen Bericht, um eine Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran besser rechtfertigen zu können. Nur noch bis Ende September hat der Iran Zeit, auf ein Gesprächs- und Kooperationsangebot einzugehen. Doch Teheran bleibt hart: Über Irans nukleare Rechte gebe es nichts zu verhandeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2009)