Da fährt man auf Urlaub, hofft, einmal seinen Gewohnheiten zu entfliehen, aber sie kommen immer mit.
Das fängt schon damit an, dass man bereits nach zwei Tagen unbewusst einen Lieblingsplatz am Strand hat. Den man dann den ganzen Urlaub beibehält, so wie man immer die gleichen Eissorten aussucht. Aber hier brechen die Wellen am schönsten, und der Fußweg geht gerade noch. Ein paar Meter weiter noch, und die Sohlen würden verbrennen.
Die Strandordnung fügt sich mit dem Wechsel der Gäste notgedrungen neu. Anders als im Freibad, wo Urlauber, etwa in Gmunden, erst an den entsetzten Blicken der Einheimischen merken, dass sie sich ahnungslos auf dem falschen Fleck breitgemacht haben. Hier sind die Wiesenplätze parzelliert, aber sehen kann man es nicht, nur spüren. Und der eine Steg gehört den Jungen, auf dem anderen finden sich die Älteren ein, das ist so, das befolgt man. Wenn man es verstanden hat.
Mit einer Sitzordnung, die man nicht kennt, ist es schwierig. Da ist man zum Beispiel eingeladen, alle stehen um den gedeckten Tisch herum und die Gastgeber sagen: „Bitte, setz dich doch.“ Die Frage, ob es eine bestimmte Sitzordnung in dieser Familie gibt, wird selbstverständlich verneint. Und dann setzt man sich immer auf den verkehrten Platz. Das verraten dann etwa die Kinder: „Da sitzt aber immer der Papa.“ Ach egal, sagt der, aber natürlich fühlt es sich dann den ganzen Abend falsch an, so auf dem falschen Platz. Und der Papa leidet, weil er nicht, wie sonst, seinen Blick aus dem Fenster schweifen lassen kann, sondern immerzu auf diesen Kasten schauen muss, an dem sich der Lack löst.
Auch bei Sitzungen gibt es eine Sitzordnung, die keiner den Neuankömmlingen verrät. Nur einmal hat sich einer nichtsahnend auf den Chefsessel gesetzt (der bei einem ovalen Tisch wahrlich nicht leicht zu erraten ist). Ihm wurde bedeutet, dass er gern da sitzen bleiben könne. Wir sind ja nicht so spießig hier. Ein zweites Mal ist es aber nicht passiert.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2016)