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„Ein Electric Light Orchestra des Orients war meine Vision“

Özlem Bulut
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Marco Annau verbindet Orient und Okzident in seiner Musik. Der Pianist schreibt der Sängerin Özlem Bulut weltmusikalische Popsongs.

Aufgewachsen ist er in einer bürgerlich-konservativen Familie im 19. Bezirk. Musikunterricht war keiner vorgesehen. Dem Wunsch seiner Eltern, er möge sich doch fürs Kaufmännische interessieren, kam tatsächlich Ö3 dazwischen. „Ich bin Jahrgang 1971. In den Siebzigerjahren war Ö3 noch richtig gut. Ich habe sogar Schule geschwänzt, um gewisse Sendungen hören zu können. Dabei hab ich Gruppen wie King Crimson und Procol Harum entdeckt. So habe ich mich ein bisserl durchgewurstelt gegen das Vorgegebene“, sagt Marco Annau, Keyboarder und Komponist der famosen Özlem-Bulut-Band.

Ersten Lorbeer holt er, den ein Musiklehrer mit 16 Jahren zum Klavierspiel überredete, mit der Rockband Giant's Causeway. „Das war eine richtig gute Band. Beim Musikwettbewerb Popodrom haben wir 1992 sogar den zweiten Platz belegt. Da stand ich als Keyboarder auf der Bühne. Die Nebelmaschine pfauchte, die Laserlichter funkelten, da wusste ich: Das will ich in Zukunft machen.“ Annau kämpfte sich durch unterschiedlichste Disziplinen. Mit Alf Poier machte er Kabarett, für den ORF komponierte er Signations und Hintergrundmusik. Er schrieb für das Kino, war sich aber auch nicht für Unterhaltungsmusikjobs zu schade.

Dann lernte er Özlem Bulut kennen. Dabei führte der Zufall Regie. „Roman, ein Studienkollege stellte sie mir in der U-Bahnstation Rossauer Lände vor. Die beiden hatten für den World Music Contest zwei Demobänder produziert. Damit sind sie ins Finale gekommen, ohne eine Band zu haben“, erinnert sich Annau. „Sie fragten mich, ob ich mitmachen würde. Dann hatten wir zwei Proben und haben den Contest gewonnen. Da war klar: Das sollten wir weitermachen.“

Der stille Held im Hintergrund

Die neue Situation, gemeinsam mit einer kurdisch-türkischen Sängerin Musik zu machen, lockte ihn kompositorisch aus der Reserve. Rasch machte er sich orientalische Formensprache zu eigen. „Wichtig ist die Phrasierung, die ja stets an die Sprache gebunden ist. Also hab ich mich eingehört ins Persische und Türkische, um die richtige Rhythmik herauszubekommen. Dieses neu erworbene Wissen habe ich verbunden mit meinen bisherigen Kenntnissen in Komposition. Meine Vision war eine Art Electric Light Orchestra des Orients. Ich wollte die Emotion des Popsongs mit der neuen rhythmischen Technik verbinden.“ Das glückte. Die beiden Alben „Bulut“ und „Ask“ verbinden das Beste aus beiden musikalischen Welten. Live bezirzt Özlem Bulut mit sensiblen Läufen auf der Oud, galanten Tanzbewegungen und ganz viel Gefühl in der Stimme. Marc Annau hat kein Problem damit, der stille Held im Hintergrund zu sein. Wichtig ist beiden, dass es in ihrer Orient und Okzident vereinenden Musik um relevante Themen geht. Das Lied „Fatma“ etwa beschreibt das Schicksal einer Kindesfreundin von Bulut, die mit elf Jahren verheiratet wurde. „Ninni“, euphemistisch als Schlaflied bezeichnet, kreist um den frühen Tod von Annaus früherer Lebensgefährtin. Und der „ID Song“ erzählt von einer Syrerin, die in Istanbul unbeirrt von ihrer Flucht Normalität leben will. Auch am Humor versucht man sich. „Österreichischen Humor ins Türkische zu bringen, ist sehr, sehr schwierig.“

Der Traum von Özlem Bulut und Marco Annau – eine orientalische Musik für selbstbewusste orientalische Frauen zu machen, die eine gute Ausbildung haben und arbeiten – kommt in Europa weit besser an als in der Türkei. Dennoch spielen sie immer wieder in Istanbul und haben auch ihre Alben dort veröffentlicht. „Unsere Stilistik passt nicht ins Zentrum der türkischen Popkultur. Und unsere Texte sind zu kritisch. Im türkischen Pop muss alles schön sein. Da ist eine illusionäre Gegenwelt gefragt.“ Dennoch bleibt man dabei. Bulut hat dafür sogar ihre Anstellung in der Wiener Volksoper aufgegeben. Das dritte Album ist bereits in Arbeit. Die derzeit schwierige Beziehung von Österreich und der Türkei macht Annau Sorgen. „Im aktuellen Klima tun sich Özlem und ihre kurdischen wie türkischen Freunde schwerer, eine unbeeinflusste Existenz zu leben.“

Zur Person

Marco Annau. 1971 geboren, lernte er erst mit 16 Jahren Klavier spielen.
Nach Umwegen als Film- und Fernsehkomponist, musikalisches Beiwagerl von Alf Poier und Mitglied der Rockband Giant's Causeway fand er in der Zusammenarbeit mit der kurdisch-österreichischen Sängerin Özlem Bulut seine Bestimmung als Komponist in der orientalischen Formensprache. Das aktuelle Album „Ask“ wartet mit „Ask Bitmez“ mit einen veritablen Hit auf. Das dritte Album ist bereits in Arbeit. www.bulut.at

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2016)