Auf der Almhütte über den Klauser See

Wirt Helmut Pölz (links) und Kapitän Franz Eder auf ihrer schwimmenden Hütte auf dem See.
Wirt Helmut Pölz (links) und Kapitän Franz Eder auf ihrer schwimmenden Hütte auf dem See.Clemens Fabry / Die Presse

Smaragdfarbenes Wasser, Wälder fast wie in Kanada und eine schwimmende Almhütte. Der Stausee, der vorgibt, ein Natursee zu sein, seine grüne Farbe und die schwimmende Hütte – eine Geschichte vieler glücklicher Fügungen.

Eigentlich kann solche Floskeln ja niemand mehr hören. Dass man sich in Wien fühlt wie in Italien, dass die Steiermark aussieht wie die Toscana und ähnliche Vergleiche, die einem doch nur das Gefühl geben, man sei an einem Ort, an dem man sich an einen besseren erinnert. Wenn man aber über den Stausee Klaus fährt und der Kapitän sagt, „Da brauchst nicht mehr nach Kanada“, vor allem im Herbst nicht, wenn sich die Blätter der Bäume im Nationalpark Kalkalpen ringsum verfärben, dann erwischt man sich schon einmal, wie man einfach staunt. Über das smaragdfarbene Wasser, die weitläufigen Wälder, die alten Brücken, und dann kann man so einen Vergleich schon auch einmal durchgehen lassen. Ein kleines Kanada im südlichen Oberösterreich also.

Den Stausee kennt man meistens nur vom Vorbeifahren, schließlich führen die Pyhrnautobahn und die Pyhrnpassstraße daran vorbei, als Ausflugsziel haben ihn viele nicht auf der Karte. Stausee, das klingt nach Beton, Technik, Kraftwerk. „Es ist ein Stausee, aber er schaut aus wie ein Natursee“, sagt Kapitän Franz Eder, der die schwimmende Almhütte über den See navigiert. Aber dazu, zur schwimmenden Hütte, später. Erst erklärt der Kapitän – mit Kapitänsmütze und -hemd, dem Schnauzer, ganz das Klischee –, was es mit dem quasi künstlichen Natursee auf sich hat.

Clemens Fabry / Die Presse

Der Protest hat das Grün gerettet

Entstanden ist der See durch den Kraftwerksbau 1975. Der See beginnt am Zusammenfluss von Steyr und Teichl – und der Steyr verdankt der See auch seine immer tiefgrüne Farbe: „Die Steyr entspringt ja da hinten“, zeigt er Richtung Süden, „in den Kalkalpen bei Hinterstoder, daher das Grün.“ Dabei hätte der See seine schöne Farbe beinahe verloren, denn ursprünglich, vor dem Bau, war dort eine große Pumpstation vorgesehen, die sogenannte Pumpspeichergruppe Molln. Dazu hätte unter anderem auch ein Großspeicher im Tal der Krummen Steyrling gehört. Die Pläne, die auf Ideen aus der Zwischenkriegszeit zurückgegangen sind, scheiterten aber an Protesten der Bevölkerung, die dort, lang vor Hainburg, einen Kraftwerksbau verhinderten. „Damals war das eine große Geschichte, für die Ennstalkraftwerke war das quasi eine Leiche“, sagt der Kapitän während der Fahrt, „rückwirkend muss man sagen, dass das gut war. Heute haben wir hier nur ein Laufkraftwerk, kein Speicherkraftwerk. Deshalb gibt es keine Spiegelabsenkung, der See schaut aus wie ein Natursee, nicht wie ein Stausee und, wenn es anders gekommen wäre, wäre die Steyr heute nicht mehr grün“, sagt er.

Fährt man den Klauser See per Boot entlang, dann bemerkt man von der ganzen Technik ohnehin kaum etwas. Der See zieht sich bei einer Breite von maximal 200 Metern über sieben Kilometer Länge. Idyllisch zwischen den Wäldern des Nationalparks gelegen, passiert man steile Konglomeratwände („Das ist die längste zusammenhängende Konglomeratwand in ganz Mitteleuropa“, sagt der Kapitän. Nachsatz: Das behauptet zumindest der Forstmeister) oder kleine Badebuchten, die man nur per Boot erreicht. Und man passiert die Angler auf ihren Booten.

Apropos Boot: Dass man über den Stausee heute auch mit einer Almhütte schippern kann, auch das ist eine Geschichte einer irgendwie glücklichen Fügung. Kapitän Eder erzählt, wie sich die ersten Fahrten – beziehungsweise die ersten Feiern auf dem See – ergeben haben. Damals, in den 1990er-Jahren, war er Arbeiter bei einer Baufirma, die auf dem See auf einer schwimmenden Plattform gearbeitet hat. „Irgendwann wollte der Vorstandschef auf der Plattform seinen Geburtstag feiern, also haben wir alle Bagger am Freitag heruntergeräumt, damit dafür Platz ist.“

Erst die Bagger, dann die Partys

„Die Feier auf dem See hat den Leuten dann so getaugt, dass sie immer wieder am Wochenende dort feiern wollten, irgendwann haben wir nur noch drei Tage gearbeitet und die restliche Zeit für die Feste umgebaut“, erzählt er, lacht, „das ist dem Direktor dann zu blöd geworden, und er hat das erste Boot bauen lassen.“ Seit 1996 wurde das Hüttenboot immer wieder umgebaut, erneuert, auch zum heurigen Saisonstart wurde das Boot wieder mit neuen Möbeln und Elektronik ausgerüstet.

Mittlerweile ist die schwimmende Almhütte, an den Wochenenden und in der Hauptsaison zumindest, mehrmals am Tag unterwegs. Bis zu 99 Personen können gemeinsam eine Fahrt buchen, für diverse Feiern, Firmenfeste, Ausflüge oder Ähnliches.

Sperrstunde am See? Gibt es nicht. „Wir hatten hier schon ungefähr alles, von Hochzeiten, Taufen, Seminaren bis zu Gästen, die extra aus Deutschland oder Holland kommen“, sagt Wirt Helmut Pölz, der das Gasthaus Seeblick (inklusive Bootsverleih und eben schwimmender Almhütte) betreibt – und die Gäste auf dem Boot mit Essen und Getränken versorgt. Oft bis in die Nacht, „bei uns wird keiner heimgeschickt“, sagt er, eine Sperrstunde gebe es nicht, Anrainer ja auch nicht.

Clemens Fabry / Die Presse

Zwei Stunden schippert man gewöhnlich über den See – rechterhand sieht man noch die alte Straße, ein Stück weiter ragen alte Rohre von einer Anhöhe in den See. Der Kapitän erzählt: Früher habe es hier, am östlichen Ende der Kremsmauer, einen großen Steinbruch gegeben. Eine Million Tonnen Kalk, sagt Eder, seien hier im Jahr für die Voest abgebaut worden. 100 Leute hätten damals im Steinbruch gearbeitet und in Betriebswohnungen auf einer Anhöhe gewohnt. „Vor 20, 25 Jahren wurden die Häuser geschliffen. Die Rohre hat man halt vergessen.“

Überhaupt ist eine Bootsfahrt auch ein Ausflug in die Geschichte: Alte Brücken, Straßen, Reste der Industrie, Geschichten über Bauarbeiten am Kraftwerk oder vom Rohrverlegen unter Wasser, die der Kapitän liefert, inklusive. Die Fahrt führt bis zur alten Eisenbahnbrücke: Die ist noch nicht lang außer Betrieb, wurde den Gemeinden geschenkt, und die lassen das 110 Jahre alte Bauwerk zu einer Fahrradbrücke umbauen. Es ist ein Teil des Radweg-Lückenschluss-Projekts zwischen Klaus und St. Pankraz. 2018 soll das fertig sein, dann kommt man mit dem Fahrrad durch die Pyhrn-Region bis in die Steiermark. Und Kapitän und Hüttenwirt freuen sich über noch ein Freizeitangebot, das den Beiklang von Beton und Technik, wenn man Stausee hört, vielleicht vergessen lässt.

Der Stausee liegt im südlichen Oberösterreich in der Region Pyhrn-Priel.

Die schwimmende Hütte kann man für Gruppen von bis zu 90 Personen buchen. Eine ca. zweistündige Fahrt kostet 600 €. stauseeklaus.com.

Außerdem gibt es rund um den Klauser See diverse Wanderwege, die Möglichkeit zu angeln oder Tret- und Elektroboote zum Ausborgen.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2016)