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Rare Shakespeare-Songs, vertonter Weltschmerz

Thomas Hampson und Wolfram Rieger.
Thomas Hampson und Wolfram Rieger.(c) Salzburger Festspiele / Marco Borrelli
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Salzburger Festspiele. Thomas Hampson und Wolfram Rieger verblüfften mit Korngold, Quilter, Finzi und Mahler.

Vor 400 Jahren ist William Shakespeare gestorben: Ein guter Grund für Thomas Hampson und Wolfram Rieger, eine Hälfte ihres Liederabends raren Shakespeare-Vertonungen des 20. Jahrhunderts zu widmen. Gewiss ist Erich Wolfgang Korngold kein Unbekannter, aber seine Werke sind immer noch selten zu hören – und Hand aufs Herz: Wem kennt schon die Musik der britischen Komponisten Roger Quilter und Gerald Finzi? Allein der Vergleich eines einzigen Liedes in drei Versionen eröffnete am Montag im Haus für Mozart dem jubelnden Publikum eine verblüffende Breite stilistischer Zugänge: „Come away, come away, death“, das Lied des Narren aus Shakespeares Komödie „Twelfth Night“ („Was ihr wollt“), das merkwürdigerweise alle drei Zyklen eröffnet.

Bereits in den 1905 komponierten „Three Shakespeare Songs“ Quilters klang das verblüffend: Jede einzelne Wendung hätte problemlos aus einem Musical stammen können, etwa einem von Ivor Novello. Doch wären sie dort nach den Regeln herkömmlicher Phrasenbildung zu einem glatten, vorhersehbaren Ganzen verschmolzen. Quilter dagegen schreibt spannungsreich und merkwürdig: Schon die einleitenden Klaviertakte, die sich als ein Ostinato ausgeben, finden sogleich eine andere Fortsetzung – und die Singstimme folgt dem Text, trotz wörtlicher und abgewandelter Wiederkehr von Motiven, auf viel engere, expressivere Weise, als es die liedhaft-tonale Schlichtheit im ersten Moment vermuten ließe. In Finzis Zyklus „Let Us Garlands Bring“ (1942) dagegen verbindet sich mit denselben Worten eine an Satie erinnernde, ruhige Akkordbegleitung mit tänzerisch-melancholischer Schwerelosigkeit, die ihren Ausdruckshöhepunkt in einem klagenden Melisma findet.

Ein Jahr zuvor hatte Korngold in seinen „Songs of the Clown“ die Narrenlieder aus „Was ihr wollt“ für ein Projekt Max Reinhardts in Hollywood vertont: In das „Come Away“ mit seiner schmerzlichen Vorhaltsmelodik ist raffiniert eine ebenso elegante wie verblüffende Hommage an Gustav Mahler hineinverwoben, namentlich an das Andante aus der 6. Symphonie – die wehmütige Geste eines Emigranten. Insgesamt prägte sich Finzis Zyklus mit seinem geschmeidig-originellen Stil und höchst abwechslungsreichen Liedern und Stimmungen vielleicht am stärksten ein, nicht zuletzt durch die federnden Synkopenbildungen von „Who Is Sylvia?“: ein festspielwürdiges Geschenk.

 

Beklemmend: „Nicht wiedersehen!“

Korngolds Reverenz bildete die Achse zum zweiten Teil, aus Sicht der treuen Fans schon viel eher eine Art „Was ihr wollt“: Denn da ließ Hampson bei Wunderhorn- und anderen sich raffiniert volkstümlich gebenden Liedern seines „Lebenskomponisten“ Mahler erneut den Weltschmerz Klang werden – weniger balsamisch als zuweilen herb, jedenfalls ehrlich, ungeschminkt, keine Falte im stimmlichen Antlitz kaschierend, bis in die Nähe des existenziellen Aufschreis. Das beklemmende „Nicht wiedersehen!“ ging fast nahtlos über in „Die zwei blauen Augen“ aus den „Liedern eines fahrenden Gesellen“, den Schluss markierten die Gesänge „Das himmlische Leben“ und „Urlicht“. Im Verein mit Riegers immer präsenten, virtuos pointierten Deutungen ergab das einen eindringlichen, mit drei Zugaben bedankten Abend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2016)