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„Life and Times“: Das geheimnisvolle Badezimmer

(c) Reuters (Herwig Prammer)
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Burgtheater Kasino. „Life and Times“: ein ehrgeiziges Projekt aus New York. Das Theaterpublikum wird dreieinhalb Stunden lang mit Banalitäten des Alltags konfrontiert.

Wer wissen will, was Ennui ist, weil er Marcel Proust für den Verfasser einer Actionkomödie hält, muss nur die dicken Tagebücher von komplexen Schriftstellern wie Thomas Mann lesen. Jeden Tag Frühstück. Dann das Lesen. Das Schreiben. Mittagessen. Wehwehchen. Immer. Und dann und wann ein rosa Gedanke. Nur ausgesprochen episch veranlagte Menschen verkraften diese Lektüre.

Eine noch härtere Variante hat sich das „Nature Theater of Oklahoma“ ausgedacht. Diese ambitionierte Truppe aus New York (Regisseure und Autoren: Kelly Copper und Pavol Liska) hat im Vorjahr bei den Salzburger Festspielen das „Young Directors Project“ mit einer bizarren Version von „Romeo and Julia“ gewonnen. Nun wurden sie von Matthias Hartmann engagiert, dem neuen Direktor des Burgtheaters. Am Montag konnte man im Kasino am Schwarzenbergplatz das erste Ergebnis ihres „work in progress“ sehen, die Uraufführung von „Life and Times – Episode 1“. Insgesamt soll das Projekt einen Tag dauern.

Das Theaterpublikum wird dreieinhalb Stunden lang mit Banalitäten des Alltags konfrontiert. Welch Wunder! Plötzlich kommt einem das eigene Leben interessant vor. Wie war das denn, als man noch klein war? Das Naturtheater (der Name ist von Franz Kafka geborgt) weiß es und zelebriert es. Die Amerikanerinnen Anne Gridley, Sibyl Kempson und Julie LaMendola wurden mit den jungen Burgschauspielern Fabian Krüger, Markus Meyer und Moritz Vierboom zusammengespannt. Dieses Sextett, von den Musikern Kristin Worrall, Robert M. Johanson (Komposition) und Alexander Medem einfühlsam begleitet, spielt Szenen aus der Kindheit ganz gewöhnlicher Amerikaner, auf einem weißen Podest vor weißem Hintergrund (Ausstattung und Licht: Peter Nigrini).

Die schwarze Box des Kasinos wurde entfernt, die Zuseher blicken auf die erhöhte kleine Bühne an der Längsseite des Saales. Das Podium erklimmen zuweilen auch die Musiker, lassen Kleingitarre, Flöte, Cello unten liegen und produzieren ihre Kindheitsmuster. Am Ende hat sogar die Souffleuse einen starken Auftritt. Es suchen also nicht nur sechs, sondern sogar zehn Personen die verlorene Zeit, konzentriert auf die ersten sechs Lebensjahre.

 

Multiple Biografien

Die Erinnerungen basieren auf sechzehnstündigen Telefongesprächen mit der 34-jährigen Worrall, daraus entwickelten sich multiple Biografien. Der Text scheint gewöhnlich, ist aber raffiniert rhythmisiert. Das wichtigste Wort ist das gemurmelte „um“ oder „hm“, wie im richtigen Leben. Die Stummelsätze werden in einem eigentümlichen Singsang vorgetragen, einem andauernden Rezitativ, das sich an Folksongs und den Blues anlehnt, gelegentlich ins dramatische Fach wechselt. Dann erlebt man etwa eine Opernszene aus einer Kleinstadt in Rhode Island. Dazu wird getanzt (Choreografie: Dakota Scott), als ob man sich bei einer Spartakiade befindet – Ganzkörperzeichensprache, manchmal mit Bällen und Reifen und oft mit großen Gesten. Das passt zum Thema: Die alle fünf Jahre im Prag des Ostblocks stattfindenden Massengymnastikshows waren ein Fest für die Jugend. Und um verklärte Jugend geht es eben auch in „Episode 1“.

 

Tragödien aus der Kindheit

Was weiß der Zuseher also nach der Vorführung von „Life and Times 1“? Dass Kinder das Badezimmer der Eltern für einen geheimnisvollen Ort halten. Dass man sich erinnert, ständig im Auto gesessen zu sein, Mama hat geredet, Papa hat geschwiegen. Dass manche Menschen als Erwachsene zu wissen glauben, wie es war, wenn man einmal vom Vater gewickelt wurde. In hohem Ton, als wäre solch ein Ereignis ein höchst dramatisches, wird das erzählt. Die erste Freundin sitzt im Schulbus neben einem anderen? Eine Tragödie! Der Vater des Nachbarkindes schreit mit der Familie? Der reine Horror. Das könnte sogar ein Missbrauchsdrama sein. Und dann ist man auch noch in einen Lehrer verliebt? In den vom Creative Writing. Buhu!

Klingt ein wenig dürftig für einen Abend vom Ausmaß eines klassischen Fünfakters. Ist es aber nicht, denn geboten wird eine sehenswerte Show mit zauberhafter Atmosphäre. Es beeindruckt auch, wie vor allem die Burgschauspieler diese englischen Textmassen bewältigten. Vor die Wahl gestellt, einen Abend mit der Lektüre der Potenzprobleme der Mandarine von Paris zu verbringen oder im Kasino mit den Leiden der jungen Amerikaner, sollte man den Weg ins Kasino wagen. Dieses Naturtheater hat Potenzial.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2009)