Wien erlebt derzeit eine Inflation an Gastgärten. Eine festgelegte Obergrenze gibt es nicht, aber das Wachstum soll trotzdem Grenzen haben – finanzieller und ästhetischer Natur.
Wien. Eine lange Tradition haben sie in jedem Fall. Und auch in der Gegenwart haben sich Wiens Schanigärten gut eingerichtet. Der Wille von Gastronomen, ihren Gästen möglichst viel Gelegenheit zu geben, draußen konsumieren zu können, ist im Stadtbild deutlich zu sehen. So, wie es in der Vorweihnachtszeit kaum mehr einen Platz gibt, auf dem nicht ein mehr oder weniger großer Weihnachtsmarkt oder zumindest ein Punschstand steht, stolpert man im Sommer zunehmend über Schanigärten. Eine Inflation, um es flapsig zu sagen – von rund 2500 ist derzeit die Rede.
Die Gastronomie teilt diesen Eindruck allerdings nicht. Im Gegenteil. „Als Gastronom muss ich sagen, wir können gar nicht genug haben“, sagt Peter Dobcak, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der Wiener Wirtschaftskammer. „Wenn man im Sommer keinen hat, ist das ein eklatanter Wettbewerbsnachteil.“ Soll heißen, dass die Gäste sonst einfach ins nächste Lokal gehen, wo sie im Freien sitzen können. Nun gibt es allerdings schon so viele Gastgärten, dass vor allem tagsüber auch viele Plätze frei bleiben. Und der Eindruck entsteht, dass es schon zu viele sind.
Bezirk will Ruhe und Geld
Das Phänomen gebe es natürlich, sagt Dobcak. Vor allem in den Außenbezirken, wo es eher zu Frühstück, Mittagszeit und abends voll sei, komme das vermehrt vor. In der Innenstadt oder in Gegenden mit vielen Touristen gebe es das aber seltener. „In der Innenstadt ist die Kapazität schon sehr gut.“ So gut, dass aus dem ersten Bezirk immer wieder Initiativen gestartet wurden, wieder etwas mehr Ruhe einkehren zu lassen. So fuhr etwa die frühere Bezirksvorsteherin, Ursula Stenzel (damals ÖVP, nun FPÖ), eine zunehmend scharfe Linie gegen den „Wildwuchs“ und forderte unter anderem spezielle Regelungen für die Kärntner Straße. Und auch ihr Nachfolger als Bezirksvorsteher, Markus Figl (ÖVP), hat die Gastgärten ins Visier genommen.
Sein Argument ist allerdings ein anderes – er wünscht sich höhere Abgaben, weil der öffentliche Raum zu billig vermietet werde. Zuletzt haben Stadt und Wirtschaftskammer ein neues Zonenmodell ausgehandelt – unter Zone eins fallen einzelne hochfrequentierte Straßenzüge und Fußgängerzonen. Zone zwei gilt für Straßen mit erhöhtem Verkehrsaufkommen, etwa Ring oder Herrengasse. Der Rest fällt in Zone drei. Nun fordert Figl, dass es in der City keine Schanigärten mehr geben soll, die den billigsten Tarif entrichten.
Dobcak hat mit derartigen Vorstößen naturgemäß wenig Freude. „Mit dem Vorschlag der Stadt Wien, die Miete in Zone eins von 7,50 Euro auf 20 Euro anzuheben, müsste ich um fast 1300 Kaffee mehr verkaufen, um das aufzuholen.“ Das sei nicht möglich, also werde man mit den Preisen hinaufgehen müssen.
Grenzen der Ästhetik
Der Wunsch der Gastronomen nach mehr Gastgärten hat neben derartigen finanziellen aber auch andere Grenzen – zumindest dann, wenn es um neue Bewilligungen geht. Eine Obergrenze gibt es nicht, doch achtet die MA 19 (Architektur und Stadtgestaltung) in jedem Verfahren darauf, dass Freiräume bleiben. „Eine Definition, an die man sich wortwörtlich halten kann, gibt es nicht“, sagt Referentin Clarissa Knehs. Allerdings habe man etwa auf der Mariahilfer Straße für Unterbrechungen gesorgt, „wo einfach einmal nichts ist – wo es Luft zum Atmen gibt“. Dabei gehe es um das Verhältnis von Schanigärten zu konsumfreien Zonen, zu Freiflächen. „Das ist je nach Örtlichkeit unterschiedlich.“
Ästhetische Grenzen gibt es aber auch bei der Gestaltung: „In Gegenden wie dem ersten Bezirk wird man eher keinen Holzzaun mit Heurigenbänken aufstellen und eher gedämpfte Farben einsetzen“, so Knehs. Und auch Thujenhecken zur Abgrenzung kämen nicht infrage. „Pflanzen sollten möglichst luftig und durchsichtig sein. Wände, selbst wenn sie grün sind, sollten bei Schanigärten vermieden werden.“ Damit wird wohl auch bei weiteren Genehmigungen verhindert, dass Passanten sich durch ein Labyrinth aus Schanigärten kämpfen müssen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2016)