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Wie Österreich einen „Topmann“ des IS versorgte

Justizanstalt Josefstadt, aktueller Aufenthaltsort des Verdächtigen Magomed I.
Justizanstalt Josefstadt, aktueller Aufenthaltsort des Verdächtigen Magomed I.APA/HELMUT FOHRINGER
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Der mutmaßliche Drahtzieher des Istanbuler Flughafenanschlags bekam in Wien neue Papiere und nutzte die Krankenkasse.

Wien. Der Putschversuch in der Türkei und die anschließende „Säuberungswelle“ haben zuletzt die Berichterstattung über den Terror verdrängt. Doch nach wie vor gilt ein gewisser Achmed Tschatajew (36), ein Mann aus Tschetschenien, der von 2003 bis 2013 als anerkannter Flüchtling in Wien lebte, als möglicher Drahtzieher des Anschlags auf den Flughafen in Istanbul vom 28. Juni mit 44 Toten und mehr als 200 Verletzten. Wie das Leben des Mannes, der in beiden Tschetschenien-Kriegen gekämpft hatte und dabei eine Hand verlor, in Österreich verlief, zeigen Protokolle, die der „Presse“ vorliegen.

Im April 2013 wurde Tschatajew in Wien als Beschuldigter einvernommen. Er war zwar als Flüchtling gekommen, soll aber, so der Verdacht des Verfassungsschutzes, sehr bald Aktivitäten in Richtung Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung entfaltet haben. Im Verhör lieferte der mutmaßliche Jihadist den Behörden zwar kein Geständnis, bestätigte aber seine rege Reisetätigkeit.

 

Neuer Name vom Magistrat

So war der sechsfache Vater in Schweden, wo er wegen Waffenschmuggels sogar ein Jahr in Haft saß, in Norwegen, Litauen, der Ukraine, Bulgarien, Georgien und in der Türkei. Um so reibungslos wie möglich reisen zu können, erwirkte Tschatajew im Februar 2012 eine Namensänderung beim Wiener Magistrat. Er erhielt einen „unverdächtigen“, in Österreich sehr häufig vorkommenden Namen.

Auf die Frage der Verfassungsschützer, warum diese offizielle Namensänderung durchgeführt worden sei, antwortete der nach eigenen Angaben „religiös“ eingestellte, „fünfmal am Tag betende“ Muslim: „Meinen Namen habe ich geändert, da man es in Österreich machen darf. Ich wollte vermeiden, dass man mich in anderen Ländern anhält, wenn mein Familienname dort aufscheint.“

Auch nach seinen Türkei-Reisen wurde der Mann damals schon gefragt. Er gab aber nur ausweichende Antworten. Zum Beispiel: „Wir wollten was kaufen und Freunde besuchen.“ Oder gar nur: „Ich kann nicht mehr sagen, was ich dort gemacht habe.“ Weiters wurde bereits bei diesem Verhör nach Kampfhandlungen gefragt, die mittlerweile von den österreichischen Behörden als terroristische Aktionen eingestuft werden. Die Rede ist von schweren Gefechten Ende August 2012 im Lopotatal an der georgischen Grenze, hin zur russischen Teilrepublik Dagestan.

Damals wurde Tschatajew auch noch an einem Bein verstümmelt. Erneut kehrte er in sein Rückzugsgebiet, nach Österreich, genauer nach Wien Mariahilf, zurück. In weiterer Folge wurde er vom Wiener Landesamt für Verfassungsschutz gefragt: „Welche Aktivitäten haben Sie seit Ihrer Rückkehr nach Österreich gesetzt?“ Wieder antwortete der Mann, der nach dem Flughafenanschlag vom republikanischen US-Kongress-Abgeordneten Michael McCaul als „Topsoldat im Kriegsministerium“ der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) bezeichnet wurde („Die Presse“ berichtete), durchaus selbstbewusst: „Seit ich in Wien bin, versuche ich eine Prothese zu bekommen. Ich war da schon mehrfach in ärztlicher Behandlung. Am kommenden Freitag soll ich diese Prothese erhalten. Die Prothese zahlt die Krankenkasse.“ Und weiter: „Wenn ich damit wieder entsprechend mobil bin, werde ich zu meiner Frau in die Türkei fliegen, um sie zu besuchen.“

Mittlerweile wurde dem „Topsoldaten“ von Österreich der Asylstatus aberkannt. Nachrichtendienste vermuten ihn im Irak.

Seine Kontakte nach Österreich bestehen nach wie vor. Ein Mann, der als sein Stellvertreter bezeichnet wird, befindet sich derzeit in U-Haft in der Justizanstalt Wien Josefstadt. Die Rede ist von einem gewissen Magomed I., ebenfalls ein Tschetschenien-Flüchtling (schätzungsweise halten sich in Österreich 30.000 Tschetschenen auf). Der 37-Jährige scheint allerdings noch mit zwei anderen Namen in den Akten der österreichischen Behörden auf.

 

Vorwurf: Terroristischer Mord

Jedenfalls ist I. mit sehr schweren Vorwürfen konfrontiert. Bei besagtem Gefecht im Lopotatal soll er der Anführer des Kampftrupps gewesen sein – eines 17-köpfigen Trupps, der sich als Teil einer terroristischen Vereinigung, nämlich der tschetschenisch-separatistischen, radikalislamischen Gruppe Emirat Kaukasus gesehen habe.

Beim Versuch, die Grenze nach Dagestan zu überschreiten, sollen I. und seine Kampfgefährten laut U-Haft-Beschluss des Straflandesgerichts Wien vom 15. April 2016 „zumindest zehn Soldaten eines russischen Aufklärungstrupps“ sowie „21 Angehörige georgischer Sicherheitskräfte“ vorsätzlich getötet haben. Weiters soll I. in den Jahren 2004, 2005 und 2007 Bombenanschläge verübt und dabei „eine unbekannte Zahl von Soldaten der russischen Streitkräfte“ getötet haben. Nun muss er, gemäß dem dringenden Tatverdacht, vielfachen Mord – begangen als terroristische Straftat – verantworten.

In seiner Vernehmung vom 19. April dieses Jahres stellte sich I. – vor seiner Inhaftierung wohnte er in Wien Brigittenau – als (potenzieller) Informant des österreichischen Verfassungsschutzes dar. Die Kampfhandlungen im georgischen Grenzgebiet seien als Kriegshandlungen, nicht als Terrorakt, zu verstehen. I. (er ist anerkannter Flüchtling in Österreich) sei außerdem von Russland „amnestiert“ worden. Erst im April dieses Jahres sei er von einer Weißrussland-Reise zurückgekehrt.

Auf „Presse“-Anfrage sagt der Anwalt von I., Wolfgang Blaschitz: „Mein Mandant bestreitet den Vorwurf des vielfachen Mordes.“ Und mit dem Anschlag in Istanbul habe I. nichts zu tun. Denn, so Blaschitz: „Er sitzt seit März in U-Haft.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2016)