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Makabres Video aus dem CERN

Diese Statue des hinduistischen Gottes Shiva steht seit 2004 auf dem Gelände des CERN. Vor ihr wurde ein verstörendes Video gedreht, das im Netz kursiert.
Diese Statue des hinduistischen Gottes Shiva steht seit 2004 auf dem Gelände des CERN. Vor ihr wurde ein verstörendes Video gedreht, das im Netz kursiert.(c) CERN

Aus dem europäischen Kernforschungszentrum kommt ein Filmchen, das ein dunkles Ritual zeigt: wohl ein Scherz, aber neues Futter für Verschwörungstheorien.

„Der Tanz des Shiva symbolisiert die Grundlage aller Existenz“, schrieb 1975 der österreichisch-amerikanische Physiker Fritjof Capra: „Shiva erinnert uns daran, dass die vielfältigen Erscheinungen der Welt nicht fundamental sind. Die moderne Physik hat gezeigt, dass der Rhythmus aus Schöpfung und Zerstörung die Essenz der unbelebten Materie ist.“

Capras Buch „Das Tao der Physik“, in der späten Hippiezeit höchst populär, wird von Esoterikern meist mehr geschätzt als von Physikern. Doch im europäischen Kernforschungszentrum CERN steht seit 2004 an prominenter Statue eine Shivastatue, die den hinduistischen Gott in seiner Erscheinungsform als Nataraja (König des Tanzes) zeigt, beim kosmischen Tanz, der den Prozess von Schöpfung, Zerstörung und Wiedererschaffung des Universums symbolisiert. Die Statue war ein Geschenk der indischen Regierung, auf einer Tafel steht ein erklärendes Capra-Zitat: „Die Metapher des kosmischen Tanzes vereint Mythologie, religiöse Kunst und moderne Physik.“

Vor dieser Statue spielt ein Video, das derzeit im Internet kursiert. Es zeigt in eher unscharfen Bildern eine schaurige nächtliche Szene: Aus erhöhter Perspektive sieht man Menschen in schwarzen Umhängen, über den Köpfen Kapuzen, die ein Mädchen in Weiß umdrängen und sich offensichtlich anschicken, sie mit einem Messer hinzurichten. Das Mädchen wehrt sich nicht. Auf dem Höhepunkt des makabren Rituals purzeln die Bilder, man hört einsilbige Flüche, das Video vermittelt den Eindruck, dass der Filmende schockiert davonläuft, während die Kamera weiterläuft.

Eine Interpretation liegt nahe: Da haben sich Forscher oder Studenten einen – eher schlechten – Scherz erlaubt. Auf Anfrage der französischen Pressagentur AFP schrieb eine Sprecherin des CERN: „Diese Szenen wurden auf unserem Gelände gefilmt, aber ohne offizielle Erlaubnis oder Kenntnisnahme.“ Und weiter: „CERN hat kein Verständnis für diese Art von Parodie, die Missverständnisse über die wissenschaftliche Natur unserer Arbeit aufbringen könnte.“

 

„Engel des Abgrunds“

Tatsächlich: Wer im Internet, etwa unter den Stichworten „Cern“, „Ritual“ und „Shiva“, nach dem Video sucht, findet bereits etliche kommentierte Versionen, viele offenbar aus extrem fundamentalistischen christlichen Kreisen, für die das Video so aussieht, wie sie sich Freimaurerrituale vorstellen. Sie sehen ihre Abneigung gegen den quasi sakralen Prunkbau der Physik bestätigt und unterstellen dem CERN Teufelswerk. Mit teils fantasievollen „Indizien“. So könne man aus dem Logo des CERN die Zahl des Antichristen (666) lesen. Auch liege das Kernforschungsinstitut bei der Kleinstadt Saint-Genis-Pouillys, deren Name wahrscheinlich daher kommt, dass dort zur Römerzeit ein Apollotempel stand. Und in der Offenbarung des Johannes (Kapitel 9) ist von einem „Engel des Abgrunds“ die Rede, der auf Hebräisch Abaddon und auf Griechisch Apollyon heißt.

Keine Frage, dass der Zerstörer Shiva gut in diese satanische Theorie passt, genauso wie die in der Öffentlichkeitsarbeit des CERN gern verwendete Bezeichnung des 2012 nachgewiesenen Higgs-Bosons als Gottesteilchen. Und natürlich erinnert man sich in diesem Zusammenhang auch an die Warnungen, die 2010, vor dem Start des Teilchenbeschleunigers LHC, kursiert haben: In diesem könne ein Schwarzes Loch entstehen und die Erde verschlingen.

Dass sich das CERN gut für Verschwörungstheorien eignet, machte sich Dan Brown schon 2002 im Thriller „Illuminati“ zunutze, in dem u. a. Antimaterie aus dem CERN den Vatikan sprengen soll.

Gewiss wird man Paranoikerseiten im Internet nicht ernst nehmen, doch das Institut hat jetzt doch Erklärungsbedarf. Zu klären ist auch, wie sicher das Gelände ist, wenn dort mitten in der Nacht heimlich ein Video gedreht werden kann. „CERN heißt alljährlich Tausende Wissenschaftler aus aller Welt willkommen, und manchmal gehen manche von diesen mit ihrem Humor zu weit“, sagt die CERN-Sprecherin nur dazu. Die Untersuchungen dieser Affäre seien eine „interne Angelegenheit“, die Polizei sei nicht damit befasst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2016)