Eine heikle Geschlechterdebatte

ATHLETICS-OLY-2016-RIO
ATHLETICS-OLY-2016-RIOAPA/AFP/OLIVIER MORIN
  • Drucken

800-Meter-Läuferin Caster Semenya leidet an Hyperandrogenämie, ihr Körper produziert zu viel Testosteron. Sie ist die Schnellste, wird gewiss Gold gewinnen – und schweigt.

Rio de Janeiro. Die Leichtathletikbewerbe bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro haben es nicht leicht. Ein für Olympia erschreckend geringes Zuschauerinteresse beschert den Verantwortlichen täglich, selbst in den sonst so beliebten Abendsessions maximal ein halb leeres Stadion. Die Arena ist nur sehr schwer zu erreichen, sie liegt außerhalb Rios und auch das schreckt nebst hohen Preisen (ab 97 Euro aufwärts) viele Cariocas vom Besuch ab.

Wenn sie doch kommen, sorgen die Brasilianer mit ihrer ungestümen Art, Lokalmatadoren helfen zu wollen, für Unmut. Sie pfeifen, stören die Konzentration der Athleten und damit wird Rio eher nicht mit positiven Erinnerungen assoziiert werden. Vorab hat der Dopingskandal mit den Russen sowie das leidige Hickhack über deren Sperre die Vorfreude schwer getrübt – und nun, inmitten der Bewerbe, bricht abermals die Geschlechterdiskussion rund um die Südafrikanerin Caster Semenya aus. Aber das war vorhersehbar.

Läuft sie sogar Weltrekord?

Die Südafrikanerin, 25, qualifizierte sich über 800 Meter mit erstaunlicher Leichtigkeit. Die Weltmeisterin von 2009 lief unbekümmert in 1:59,31 Minuten durch, sie gilt damit für das Finale am Samstag als unschlagbar. Und nicht wenige trauen ihr zu, den seit 1983 haltenden Weltrekord der Tschechin Jarmila Kratochvolova zu knacken. Aber sind deren 1:53,28 Minuten für eine Frau – ungedopt – denn überhaupt möglich?

Geht es nach der Französin Justine Fedronic, ist der Fall klar. Semenya hat einen Vorteil, ihr genetisch bedingter, viel zu hoher Testosteronwert verletze das Fair Play. Wie bitte? Damit war sie wider frisch aufgeheizt, die Diskussion, ob Semenya nun ein Mann oder doch eine Frau ist.

Nach der WM 2009 in Berlin war die Leichtathletik in Aufruhr. Die herb anmutende, ungeheuer schnell und kräftig, ja tatsächlich maskulin wirkende Südafrikanerin wurde mehrfach getestet, auf Wunsch der mit dieser Situation heillos überforderten Funktionäre des Weltverbandes wurde nach langem Hin und Her sogar ein Geschlechtstest vorgenommen. Für Caster Semenya erniedrigend, „ich bin doch eine Frau“, beteuerte sie immer wieder.

„Wen schützen, und vor wem?“

Man sperrte sie für elf Monate und stellte bei den Tests dann fest, dass sie an Hyperandrogenämie leidet. Das ist eine Hormonstörung, die zu viel Testosteron produziert. Kein Doping, kein Mann – sondern eine Krankheit verleiht Semanya ihren Vorteil. Sie ist dadurch allen anderen Frauen gegenüber zu stark, eindeutig zu schnell.

2011 führte der Weltverband eine Regel zum medikamentösen Umgang mit Sportlerinnen ein, die andere, also männliche Hormonwerte aufweisen. Sie musste eine Therapie starten, um ihren Wert chemisch auf das Niveau einer Frau zu senken. Für Semenya war das eine Tortur, sie verstand das ganze Procedere nicht, all die Aufregung. Dass parallel dazu ihre Leistungen allerdings „gewöhnlicher“, unspektakulärer und weitaus langsamer wurden, darf nicht unbetont bleiben. Sie verschwand in der Versenkung.

Ende Juli 2015 hob der Internationale Sportgerichtshof (CAS) diesen Passus auf und damit lief die Diskussion wieder an. Die IAAF berief, vor Olympia gab es kein Urteil und das ist nun Semenyas letzte Chance, nach Silber in London 2012 doch noch ihren Goldtraum zu verwirklichen. Selbst Fedronic sagt: „Warten wir ab, was sich ändern wird. Es geht darum, die Menschenrechte zu wahren. Aber, wer muss denn geschützt werden?“

Schweigen – nur laufen

Der Manager der Südafrikanerin will sich nicht weiter damit beschäftigen. Der Finne Jukka Härkönen – er betreut unter anderem Skispringer Janne Ahonen oder Österreichs Diskuswerfer Gerhard Mayer – wollte die Diskussion nicht anheizen und hielt sich gegenüber der „Presse“ bedeckt. Die Athletin selbst will ihre Rennen genießen. Rekorde, sagt sie, „sind mir egal. Aber ich will Gold gewinnen.“ Sportlich wirkt sie nach durchwachsenen Jahren, in denen sie sogar von Maria Mutola, der ehemaligen Erzrivalin von Steffi Graf, trainiert wurde, wieder in Topform. Seit 2014 übt sie bei Paul Verster in Potchefstroom. Dort hat sie ihre Ruhe, die richtigen Ansprechpartner, lästige Fragen sind tabu.

Keine andere Läuferin war in dieser Saison schneller, ihr Sieg beim Diamond-League-Meeting in Monaco galt als Kampfansage. Sie ist wieder da, sieben Jahre nach dem Berliner Gold-Coup und nun ist der Olympia-Sieg greifbar nahe. Dass deshalb ihre Lebensgeschichte breitgetreten, in England sogar mit Hohn kommentiert wird, stört sie nicht. Nur, wer will schon von sich in der Zeitung lesen, dass er eine „tickende Zeitbombe“ (Sunday Times) sei oder durch ein „Minenfeld“ (Daily Mail) laufe. Dass sie gegen die vom Weltverband verlangte Hormontherapie klagte, darf ihr nicht zum Nachteil gereichen – das hätte jeder getan. Und sie gewann. Die IAAF-Anwälte schafften es nicht, den Beweis dafür zu erbringen, dass Testosteron als qualifizierter Hinweis dient, um die Geschlechterfrage zu klären.

Also werden nun in Rio seitens aller Mitstreiter alternierend leise und mitunter auch lautere Verdächtigungen geäußert. Der Weltverband schweigt, das Internationale Olympische Komitee (IOC) sowieso, auch Semenya sagt nichts. Sie läuft, mehr kann sie in Wahrheit ohnehin nicht machen. Vielleicht bleibt also die Leichtathletik dieser Sommerspiele wegen ihres Triumphes samt Fabelweltrekord allen in Erinnerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2016)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.