Neustift am Walde: Ein alter Kirtag für die Jungen

Die Tracht ist (fast) ein Muss, der Umzug der Hauerkrone hat Tradition: der Neustifter Kirtag.
Die Tracht ist (fast) ein Muss, der Umzug der Hauerkrone hat Tradition: der Neustifter Kirtag.(c) Weinbauverein Neustift am Walde
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Für vier Tage wird die Döblinger Heurigengegend zum Kirtagsgelände. Aus einer Grätzelveranstaltung ist ein großes Event geworden, das gerade Junge anzieht. Und Politiker.

Wien. Wer in Döbling wohnt, konkret draußen in Neustift am Walde, wird in den nächsten Tagen viel Musik bis in die Nacht hinein hören, viele Lebkuchenherzen sehen und noch mehr Menschen in Tracht. In anderen Worten: Es ist wieder Kirtag in Neustift, zu dem ab heute Abend bis inklusive Montag Tausende Wiener kommen werden. Nein, Zehntausende, pro Tag. 110.000 Besucher zählte die Polizei im Vorjahr an den vier Tagen zusammen.

Das ist, auch wenn andere Wiener Kirtage wie jener in Stadlau (23. bis 25. 9.) oder der Steffl-Kirtag (im Mai) auch nicht schlecht besucht sind, eine erstaunlich hohe Zahl an Wienern, die eine eher mühsame Anreise unternimmt, um in Neustift in den Heurigen und auf der Straße rund um die 85 Marktstände zu feiern. „Früher waren wir ein kleines Grätzelfest“, sagt Michael Eischer vom Weinbauverein Neustift am Walde, der den Kirtag organisiert. „Heute sind wir österreichweit bekannt.“

Am Freitag und am Samstag, wenn es besonders Jugendliche und junge Erwachsene zum Feiern (und Trinken) nach Neustift verschlägt, „ist es gesteckt voll“, sagt Eischer. Auf der – für den Verkehr gesperrten – Straße gibt es kein Vorankommen mehr. Chancen auf einen Platz auf einem Heurigenbankerl: gegen null. Die Warteschlange bei den Ständen: lang. Die gemütliche Döblinger Heurigenatmosphäre: ziemlich überdeckt von Musik, Lärm, den Menschenmassen.

Das alles scheint gerade die Jungen nicht zu stören, im Gegenteil: Die Besucherzahl wächst seit zehn, fünfzehn Jahren konstant. Seit man auf Sponsoren setzt, ist die Bekanntheit stark gestiegen. Und der Kirtag zum Trachtenaufmarsch geworden: Kam früher kaum jemand in Dirndl oder Lederhose, ist es heute die große Mehrheit. Vielleicht ein Mitgrund dafür, dass viele Wiener, die gern in der Großstadt Tracht tragen, so zahlreich nach Neustift am Walde pilgern: So viele Gelegenheiten, seine Tracht (mal traditionell, häufig eher weniger) in Wien auszuführen, gibt es auch wieder nicht. Auch wenn die Wiener Wiesn – ab 22. 9. – noch ansteht. Heurigenwirt Eischer betont, dass man ein Fest für die ganze Familie sei (die vor allem am Sonntag kommen, montags sind es eher die Döblinger), die jungen Gäste werden aber speziell umworben. Der Kirtag mit jahrhundertelanger Tradition gibt sich betont jung und wirbt erstmals auch auf Instagram und Snapchat. Man setzt auf Foodtrucks („Früher haben wir Würstelstand dazu gesagt“), längst gibt es nicht nur Weißen Spritzer, sondern auch Jägermeister und Wodka Red Bull, auf den After-Kirtag-Partys nämlich, die bis in den frühen Morgen gehen.

Für die Winzer ist der Kirtag die Gelegenheit, junge Leute auf die alte Heurigentradition aufmerksam zu machen. Auf dass sie auch im kirtaglosen Rest des Jahres nach Döbling kommen. Angesichts der vielen Besucher ist es kein Wunder, dass die Politik – eröffnet wird der Kirtag stets vom Döblinger Bezirksvorsteher, „selbst wenn der Bürgermeister oder der Bundespräsident da wären“ – den Kirtag gern für sich vereinnahmen will.

Hofer und Van der Bellen dabei

Im Vorjahr – die Wiener Gemeinderatswahlen standen bevor – gab es kaum einen Politiker, der sich nicht in seine Tracht geworfen, unter das Publikum gemischt und für zig Selfies posiert hat. Auf dem Kirtagsgelände war das Wahlwerben zwar verboten, direkt davor aber hatten so gut wie alle Parteien einen Stand. „Wir hatten damit keine Freude“, sagt Eischer, „aber wir konnten es auch nicht verhindern.“ Auch heuer haben sich die Bundespräsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer als Gäste angekündigt.

Ob es vielen Besuchern auch um die Traditionen geht, sei dahingestellt. Hochgehalten werden diese – Massenevent hin oder her – nämlich nach wie vor. Wegen einer schlechten Ernte baten die Weinbauern Maria Theresia um eine Reduzierung der Steuer und schenkten ihr dafür eine Hauerkrone (Weinhauer ist ein alter Begriff für Winzer). Die Kaiserin stimmte zu, unter der Voraussetzung, dass fortan jedes Jahr ein Kirtag abgehalten werde. Woran sich die Winzer strikt hielten: Seit 1753 hat der Kirtag jedes Jahr, sogar in den Weltkriegsjahren, stattgefunden.

Und wie verhält es sich mit einer anderen inoffiziellen Tradition, den Kirtagschlägereien zu später Stunde? Die gibt es „wie auf jedem Kirtag“, heißt es bei der Wiener Polizei, die mit 16 Beamten vor Ort ist. Pöbeleien, kleine Streitigkeiten, Beschimpfungen, aber „nichts Schwerwiegendes“.

AUF EINEN BLICK

Der Neustifter Kirtag findet von heute bis inklusive Montag rund um die Neustifter Pfarrkirche entlang des Straßenzugs Rathstraße–Neustift am Walde–Hameaustraße statt. Eröffnet wird er heute um 18 Uhr beim Heurigen Zeiler (Rathstr. 31) und mit einer Prozession der „Hauerkrone“ durch Neustift.

Am Samstag geht der Kirtag um 15 Uhr los, am Sonntag findet um 11 Uhr eine „Feldmesse“ statt. Danach wird der „Hiatabaum“ aufgestellt – er erinnert daran, dass früher jeweils ein Weinhauer als Hüter über die Weinreben gewacht hat. Der Eintritt ist an allen Tagen frei.

Bis inklusive Montagabend ist der Straßenzug für den Verkehr gesperrt. Eine öffentliche Anreise empfiehlt sich: 35A bis Agnesgasse, mit 41A (Neustifter Friedhof) oder 41 bis Pötzleinsdorf.

Web:www.neustift-am-walde.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2016)

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