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Bilanz: Ein Jahr „Krise“ in Zahlen

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Ein Jahr danach. Mehr als eine Million Flüchtlinge sind seit dem Spätsommer 2015 in Österreich eingereist – mit gut 71.248 Anträgen von vorigem September bis Juli 2016 haben weniger als zehn Prozent auch Asyl beantragt.

Wien. Die Bilder von den Menschenmassen wird niemand, der sie gesehen hat, vergessen: den Marsch auf der Balkanroute, eine schier unendliche Menschenkette, die zu Fuß auf dem Weg Richtung Nickelsdorf war. Das Gedränge an eben diesem Grenzübergang. Massen an Verzweifelten, Erleichterten, an Menschen, die vom Erlebten gezeichnet waren, die vor knapp einem Jahr, im Spätsommer 2015 nach Österreich gekommen waren – und in den meisten Fällen auch weiter Richtung Norden gereist sind. Wie viele waren es? Wie viele sind geblieben? Wo sind sie jetzt? Was wurde aus ihren Verfahren? Eine Bilanz über ein turbulentes Jahr.

71.248 Asylanträge (vorläufige Zahl) wurden zwischen September 2015 bis inklusive Juli 2016 nach Angaben des Innenministeriums gestellt. Den Höchststand hat die Zahl der Anträge im Oktober mit 12.308 erreicht. In Summe lag die Zahl der Anträge im Kalenderjahr 2015 auf einem historischen Hoch von 88.340. Grob jeder zehnte Flüchtling, der nach Österreich gekommen ist, wollte auch bleiben. Zwischen September und Jänner wurden rund 800.000 Einreisen gezählt (oder in der heißen Phase grob geschätzt). Allein im September waren es rund 200.000 Einreisen.


29 Prozent der Antragsteller sind 2015 aus Afghanistan gekommen – neben Syrien (28 Prozent der Anträge) das dominante Herkunftsland. Dahinter folgt der Irak mit 15 Prozent. Dieses Ranking der Herkunftsländer hat sich seither nicht verändert: Hinter diesen drei Ländern stehen heuer der Iran, Pakistan, Somalia, Nigeria, die russische Föderation, Marokko und Algerien als die antragsstärksten Nationen.


88 Prozent – mit dieser Quote (Jänner bis Juli 2016) positiver Bescheide haben Syrer die weitaus besten Aussichten auf Asyl. Menschen aus Somalia (bisher 44 Prozent Anerkennungsquote 2016) und der russischen Föderation (35 Prozent) haben relativ gute Aussichten. Die Anerkennungsquoten bei Afghanen, Irakern oder Iranern sind mit bisher 22 bzw. 24 Prozent geringer. Abschiebungen sind aber eher selten.


40,5 Prozent: So hoch war 2015 die Quote positiver Abschlüsse von Asylverfahren – das entspricht laut Integrationsbericht 14.413 positiven Entscheiden. Rund 70 Prozent dieser Entscheidungen betrafen Syrer. Das (personell deutlich aufgestockte) Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl traf 2015 in Summe 36.227 Statusentscheidungen nach dem Asylgesetz – doppelt so viele wie 2014.


8365 abgelehnte Asylwerber haben Österreich im Jahr 2015 verlassen: davon 3278 zwangsweise und 5087 freiwillig. Die größte Gruppe von Rückkehrern waren Kosovaren. In Summe wurden 2015 um 40 Prozent mehr Personen außer Landes gebracht als 2014. Oft können abgelehnte Asylwerber nicht abgeschoben werden, weil Rückkehrabkommen fehlen oder die Herkunft mangels Papieren nicht eindeutig zu beweisen ist. In vielen Fällen, in denen Asylgründe laut Genfer Konvention fehlen, aber Menschenleben etwa durch Krieg bedroht werden, wird subsidiärer Schutz zugesprochen: Das ist beispielsweise bei Afghanen oft der Fall.


8380 Menschen, das entspricht rund zehn Prozent der Asylwerber aus 2015, waren unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In Summe waren 81 Prozent der neu hinzugekommenen Asylwerber unter 35 Jahre alt, zwei Drittel sind männlich – das hat sich auch 2016 nicht verändert.


10,3 Asylwerber je 1000 Einwohner. Mit dieser Quote (Kalenderjahr 2015) liegt Österreich laut Integrationsbericht auf Platz zwei hinter Schweden mit 16,7 Asylanträgen je tausend Einwohnern. Deutschland liegt mit 5,9 Anträgen je tausend Einwohnern gemeinsam mit Finnland auf Platz drei dieser Liste, dahinter folgen Luxemburg, Malta, Belgien.


67.476 Asylwerber im Verfahren (auch bis zur Entscheidung über eine Zulassung kann es dauern) leben gegenwärtig in Österreich. Diese Zahl liegt über der deklarierten Obergrenze von 37.500 Anträgen, die heuer zugelassen werden sollen. Relevant für diese Obergrenze sind aber die Anträge aus dem aktuellen Kalenderjahr (bis Ende Juli wurden 28.765 Anträge gestellt und 24.260 Menschen zum Verfahren zugelassen), nicht die Verfahren, die noch aus dem Vorjahr offen sind.

20.000 Asylwerber, deren Verfahren derzeit läuft, leben aktuell etwa in Wien in Grundversorgung. Bei jenen, deren Verfahren positiv abgeschlossen wurde, sieht die Verteilung allerdings anders aus: Erfahrungen der vergangenen Monate zeigen, dass rund jeder zweite Asylberechtigte nach Wien zieht – dafür sprechen Communities, Familienmitglieder in Wien und höhere Sozialleistungen.


1,986 Milliarden Euro, Damit beziffert das Finanzministerium laut jüngstem Integrationsbericht die „direkten Flüchtlingskosten“ im Jahr 2016. Mehr als zwei Drittel davon werden demnach für Sozialleistungen (etwa Grundversorgung, Mindestsicherung oder Krankenversorgung) aufgewendet. 2015 lagen die Kosten demnach bei 758 Millionen Euro, 2014 bei 442 Millionen Euro. Rechnet man die jährlichen Kosten hoch, würden sie laut diesem Bericht auch bei sinkenden Asylantragszahlen eher nicht weniger werden. Aufgrund der nur schrittweisen Arbeitsmarktintegration sei von einem Aufwand von „sicherlich zehn Milliarden Euro“ für einen Zeitraum von fünf Jahren auszugehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2016)