Die Chinesin Ren Qian gewann als jüngste Rio-Siegerin Gold vom Zehnmeterturm, sie ist erst 15 Jahre alt. Sie ist aber kein Einzelfall – wird Teenagern aus Erfolgsgier die Kindheit geraubt?
Rio de Janeiro. Es bedarf einer gehörigen Portion Mut, vom Zehnmeterturm zu springen. Man braucht auch langes Training, um Schrauben zu drehen oder Salti zu schlagen. Ganz zu schweigen von der Anspannung, die es sekundenlang zu halten gilt, ehe der Körper mit ca. 60 km ins Wasser knallt. Dabei soll, zumindest wenn man kein Amateur im Freibad ist, so wenig Wasser wie möglich wegspritzen. Springen vom Zehnmeterturm ist nicht ungefährlich, in Österreich erst ab 14 Jahren erlaubt, so steht es im Jugendschutzgesetz.
Dass also jeder Bademeister die Chinesin Ren Qian vor dem Aufstieg – gewiss charmant – fragen würde, was sie denn da oben vorhabe, wäre also keineswegs verwunderlich. Doch Ren dürfte springen, sie ist 15 Jahre alt. Ihre hohe Kunst raubt dem Beobachter sogar den Atem, der Teenager ist die beste Wasserspringerin der Welt. Sie gewann Weltcups mit der Traumnote 10 – nun wurde sie in Rio mit Gold dekoriert, als jüngste Athletin in Brasilien, als zweitjüngste in der Turm-Historie.
Dass Landsfrau Si Yajie Silber gewann, passt ins Bild, sie ist 17. Es ist aber nicht nur die Sportmacht China, die Kinder drillt, ausbildet bzw. trainiert und zu Sportereignissen schickt. Sie kommen aus der ganzen Welt, sind in unterschiedlichsten Bewerben erfolgreich. Der Gewichtheber Simon Martirosyan, 19, kommt aus Armenien und gewann Silber (bis 105 kg). Ruth Jebet gewann Bahrains erstes Gold überhaupt, die 19-Jährige triumphierte über 3000 Meter Hindernis.
Und das Alterslimit?
Um an die Spitze zu gelangen, ist jahrelanges, eisernes Training nötig. Und, es gibt bereits Superstars, die noch Teenager sind. Etwa US-Turnerin Simone Biles (19, viermal Gold in Rio; Mehrkampf im Team und Einzel, Sprung, Boden), Schwimmerin Katie Ledecky, 19, landete das erste Kraul-Triple (200, 400 und 800 Meter) seit 68 Jahren. Dazu kommen Olympioniken wie Kyle Chamber (18, AUS, 100 Meter Kraul), Penny Oleksiak (16, CAN, 100 Meter Kraul) oder US-Schützin Virginia Thrasher (19). Der jüngste Sieger 1900 in Paris soll sieben Jahre alt gewesen sein. Ein Ruderer, der Name ist unbekannt. Österreichs jüngste Olympia-Teilnehmerin war 1976 übrigens Eiskunstläuferin Claudia Kristofics-Binder. Sie war 14 Jahre und 122 Tage alt.
Das zeigt, Gold ist keineswegs eine Frage des Alters. Oft kann man sich als Beobachter beim Turnen oder Schwimmen nicht des Eindrucks erwehren, dass da Minderjährige unterwegs sind. Selbst das Internationale Olympische Komitee hat diese Tendenz bemerkt und 1997 ein Alterslimit gesetzt. Wer nicht sechzehn ist, darf bei Olympia nicht mitmachen. Aber nicht nur im Antidopingkampf gibt es schwammige Regeln, auch bei dieser Beschränkung treffen die Weltverbände die finale Auswahl . . .
Dass Hochleistungssport Gefahren für die körperliche Entwicklung mit sich bringen kann, muss nicht betont werden. Wachstum, Wahrnehmung, Knorpelschäden – vieles obliegt dem Talent des Trainers, der den Bewegungsapparat schult, früh belasten muss; es geht doch um Erfolg. Nicht jeder Teenager endet vom Sport zerstört, das beste Beispiel zeigte die Karriere von Michel Phelps. Er war 2000 in Sydney erstmals bei Olympia aufgetaucht, als 15-Jähriger. 2016 trat er mit 23 Goldmedaillen ab.
Kinder, die unter den fünf Ringen auftauchen, müssen aber nicht zwingend Sieger sein. Selbst Platz 31 über 100 Meter Rücken kann Mut machen, anderen den Glauben geben, dass auch sie jede Hürden meistern können oder zumindest dazu animieren, sich zu bewegen. Die Geschichte der 13-jährigen Nepalesin Gaurika Singh liefert so ein Beispiel. Die jüngste Teilnehmerin der Rio-Spiele überlebte im Vorjahr ein Erdbeben, 9000 Menschen starben in Kathmandu. Sie gilt als Heldin, wird auch ohne Gold verehrt, schwimmt – und spendet für Wohlfahrtsstiftungen.
Es bleibt Ansichtssache, wie man mit Kindern respektive Teenagern im Spitzensport, bei Großevents, umgehen soll. Kommt das Spektakel zu früh, welche Bürden wurden in Kauf genommen? Raubt man ihnen die Kindheit oder ist genau dieser Zugang optimal? Was passiert, wenn das Kind gar keine Wahl hatte, sondern von Regime, Partei oder geldgierigen Funktionären dazu gezwungen wurde?
Das Unbehagen springt bei so jungen, voll austrainierten Topathleten immer mit. Für diese Erkenntnis muss man erst gar nicht auf einen Zehnmeterturm klettern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2016)